Als Benediktinerin habe ich das Privileg, viermal am Tag die Glocken läuten zu hören. Mit dem Glockenläuten, so schreibt es Benedikt vor gut 1500 Jahren in seine Ordensregel, „lege der Mönch alles aus der Hand … “ So halten auch wir es im 21. Jahrhundert, wir Schwestern des Evangelischen Klosters Schwanberg. Vier Mal am Tag unterbrechen wir, was wir gerade tun und treffen uns zum Gebet in unserer St. Michaelskirche.
Und auch wenn ich meist nicht gleich beim ersten Glockenton alles aus der Hand lege oder ein Gespräch abbreche, spätestens vier, höchstens fünf Minuten später bin auch ich auf dem Weg zur Kirche. Vorher geht‘s noch schnell in den Gewändergang. Mit einem kurzen Besinnungswort streife ich mir mein Gewand über meine Alltagskleidung, dann schnappe ich mir das Gebetbuch und gehe zügig in die Kirche. Ich greife nach der Kirchentür und in mir vollzieht sich ein Weltenwechsel. Ich verlasse meine Arbeits- oder auch Ordenshauswelt und betrete den vertrauten Kirchenraum.
Jetzt muss ich nichts mehr erledigen, an nichts mehr denken, einfach nur da sein.
Ich gehe zum Chorgestühl. Eine kurze Verneigung vor dem Kreuz, dann setze ich mich. Ich bin da. Gott ist da. Das genügt. Ein Moment Stille. Dann ertönt der Stundenschlag unserer Uhr, wir stehen auf. Drei Schwestern (die Schola) singen: „O Gott, komm mir zu Hilfe“ und wir anderen stimmen ein: „Herr, eile mir zu helfen.“ Meine und die Stimmen der vielleicht 14 anderen Schwestern im Chorgestühl verbinden sich zu einem Klang. Spätestens jetzt bin ich wirklich angekommen – stehe oder sitze ganz nah an meiner wichtigsten Kraftquelle: dem klösterlichen Stundengebet. Vier Psalmen, eine Bibelstelle, ein Hymnus oder Lied aus dem EG, Gebet, Vaterunser, Segen.

Nach ca. 30 Minuten ziehen wir gemeinsam in guter Ordnung aus der Kirche aus. Dazu verneigen wir uns voreinander und vor dem Kreuz. Ich ziehe mein Gewand wieder aus und hänge es an seinen Haken. Das Buch kommt zurück an seinen Platz und wir gehen wieder in unseren Alltag.
Für diesen Text habe ich mich gefragt, was genau diese Gebetszeiten für mich zum Kraftquell machen. Quäle ich mich doch am frühen Morgen nicht selten aus dem Bett. Und oft genug würde ich gern die angefangene Arbeit noch schnell zu Ende bringen. Und ich stoße mich an manchen Formulierungen in den Psalmen. Aber trotz all dem, sind sie mir Kraftquell. Vielleicht deshalb:
Jede Gebetszeit ist ein ausgesparter freigehaltener (Zeit-)Raum mit dem einzigen Sinn, vor Gott da zu sein.
Mit den alten Psalmworten kommt alles ins Fließen, im Staunen über die Schöpfung, im Lob, in der Klage, dem Dank. Auch im Zweifel oder der Verzweiflung über Gottes Schweigen. In den Psalmen klingt das ganze Leben, die ganze Welt von heute in einer alten Sprechweise.
In den einfachen vertrauten Melodien des gregorianischen Gesangs, dem Hin- und Hersingen zwischen Schola und Gemeinde entspannt sich mein Leib und mein Sinn wird weit.
Die kurzen Verneigungen vor dem Kreuz und vor der Mitschwester verbinden.
Die festen Zeiten rhythmisieren den Tag. Ich muss nicht nachdenken, mich nicht immer neu entscheiden, ich gehe einfach hin. Bin einfach da. Das genügt.
Danke dafür, dass ich von meinem Kraftquell erzählen konnte.
Ihre und Eure
Sr. Franziska Madeleine Fichtmüller CCR
