Seit vier Jahren greift Russland die Ukraine an, im Bundestagswahlkampf gab es Anschläge auf Weihnachtsmärkte und Kindergartenkinder, Drohnen fliegen über Kasernen und die amerikanische und die russische Regierung wollen ein geeintes Europa spalten. In einer Welt, die aus den Fugen gerät, fragt die Evangelische Kirche neu: Was ist richtig? Was ist verantwortbar? Wie können Christinnen und Christen heute zum Frieden beitragen?
Unter dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ hat die Evangelische Kirche in Deutschland aufgeschrieben, was der christliche Glaube an Orientierung in schwierigen Zeiten gibt.
Ich möchte die wichtigsten Gedanken zusammenfassen und Sie anregen, selber die Denkschrift zu lesen. Evangelische Denkschriften heißen so, weil sie zum selber Denken anregen sollen und dafür Ideen, Grundlinien und Anregungen bieten.
Die Evangelische Kirche hat aufgrund der oben beschriebenen Ereignisse ihre zuletzt 2007 beschriebene Auffassung überdacht. Eine Denkschrift ist wie eine Landkarte, die beim Wandern orientiert. Die Karte muss zum Gebiet passen. Die Welt hat sich verändert und darauf reagiert die Kirche, in dem sie die Karte der Friedens-ethik aktualisiert, damit sie in der aktuellen Lage zur veränderten Welt passt.
Frieden ist möglich, aber er braucht eine realistische Sicht auf die Welt. Wer Frieden will, muss die Gewalt mitbedenken.
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat bei vielen Menschen, die zuvor Gewalt abgelehnt haben, zu einem Umdenken geführt.
Das Ziel des gerechten Friedens bleibt, aber der Schutz vor Gewalt ist an die erste Stelle gerückt. Zum gerechten Frieden braucht es:
1. Schutz vor Gewalt
2. Förderung von Freiheit
3. Abbau von Ungleichheit
4. Friedensfördernden Umgang mit Vielfalt
Gerechter Friede ist also mehr als ein Schweigen der Waffen, sondern braucht auch noch Menschen, die gerecht, verantwortlich und rücksichtsvoll miteinander leben.
Aber der Schutz vor Gewalt ist das höchste Gut. Dafür ist es notwendig, dass Gewalt auch mit Gewalt abgewehrt wird. Das ist zwar das letzte Mittel, aber Deutschland sollte in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen.
Gegengewalt ist legitim, wenn sie der Notwehr dient oder der Nothilfe. Gewalt bleibt damit etwas, dass auch als letztes Mittel verantwortet werden muss: Sich selbst und andere zu schützen, kann ein Gebot der Nächstenliebe sein: Friedenspolitik bedeutet also nicht Passivität, sondern Verantwortung.
Freiheit ist nicht Willkür. Freiheit gibt es immer nur im Zusammenleben von Menschen und Staaten. Es gibt Freiheit dadurch, dass zum Beispiel andere sich nicht Einmischen. Was ich in meiner Wohnung mache, geht niemanden etwas an. In die inneren Angelegenheiten Deutschlands sollten sich fremde Staaten sich nicht einmischen. Dann gibt es Freiheit noch als Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. Beide Arten von Freiheit ergänzen einander.
Abbau von Ungleichheit zielt darauf, dass Ungerechtigkeit verringert wird, weil sie sonst den Frieden gefährdet. Der friedensfördernde Umgang mit Vielfalt bedeutet, dass nicht jeder Umgang mit Vielfalt dem Frieden dient. Die Denkschrift meint hier einen Umgang, der die Demokratie und die Teilhabe aller stärkt und religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt einschließt.
Aus der Überlegung zum Schutz vor Gewalt leitet die Denkschrift ab, dass der Staat seine Bürger schützen können muss. Dazu gehört eine Bundeswehr, die dazu in der Lage ist. In der Konsequenz heißt das, dass der Staat, der das nicht gewährleistet, unverantwortlich handelt. Letztlich gehört im weitesten Sinne auch ein Bildungssystem dazu, das befähigt, Akteure zu durchschauen, die Gewalt und Ungleichheit befördern und die Gesellschaft spalten wollen.
Zum Thema Atomwaffen sagt die Denkschrift: Sie sind inhaltlich nicht zu verantworten – aber ein sofortiger Verzicht wäre derzeit politisch riskant und könnte sogar den Frieden gefährden.
Ein besonders zukunftsorientierter Teil der Denkschrift beschäftigt sich mit globaler Gerechtigkeit und dem Klimawandel: Ungerechtigkeit führt zu Konflikten. Klimakatastrophen verschärfen politische Spannungen und die Folgen des Kolonialismus sind bis heute spürbar.
Wer also weltweit Frieden will, muss weltweit Gerechtigkeit fördern – das ist eine zentrale Botschaft.
Was können wir als Gemeinde daraus mitnehmen?
Die Denkschrift ist kein politisches Programm. Sie ist ein Angebot und eine Einladung zum selber Denken und Diskutieren.
Wir sollen informiert bleiben und politische Verantwortung ernst nehmen. Wir sollen für Frieden beten – aber auch danach handeln. Wir sollen denen eine Stimme geben, die unter Gewalt leiden.**
Und: Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Die Welt ist unruhig, aber wir sind dem Frieden verpflichtet – aus Glauben und aus Verantwortung.
Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Er braucht Mut, Klugheit, Geduld und offene Augen.
Und er braucht Menschen, die sich von Jesus Christus dazu rufen lassen, Frieden zu stiften – auf dem Marktplatz, im Stadtrat, im politischen Gespräch, im Gebet und im ganz persönlichen Alltag.
Björn Kruschke
Denkschrift zum nachlesen: https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm

