Schon seit 1992 besteht eine Partnerschaft zwischen der Evangelisch-Lutherischen und der Evangelisch-Reformierten Kirche in Litauen und der reformierten Klasse Detmold/Süd der Lippischen Landeskirche. Aus Anlass des 25. Jubiläums wurde 2017 die Partnerschaft bestätigt und nun als Partnerschaft der Lippischen Landeskirche zu den beiden evangelischen Kirchen Litauens auf eine neue Ebene gehoben. In der Landeskirche gibt es einen Partnerschaftsausschuss unter Leitung des Partnerschaftsbeauftragten Pfarrer Frank Erichsmeier, der die Verbindungen nach Litauen fortlaufend begleitet. Daneben hat auch die lutherische Klasse weiterhin eine besondere Verantwortung für die Kontakte zu „ihrer“ lutherischen Partnerkirche in Litauen.

Im Rahmen der Partnerschaft werden insbesondere Projekte der Diakonie in Litauen gefördert. Aber auch regelmäßige Besuche in Litauen beziehungsweise in Lippe, Reisen von Chören und die Teilnahme an Jugendlagern gehören zum Programm der Partnerschaft, die immer auch persönliche Beziehungen zu den in ihrer Heimat als kleine Minderheiten lebenden Evangelischen ermöglichen soll. (Der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Litauen gehören etwa 1,9 %, der Evangelisch-Reformierten Kirche in Litauen etwa 0,2 % der Bevölkerung an. Etwa 75 % der Litauer sind römisch-katholisch.)
Vom 7. bis 10. Oktober 2025 machte sich nun eine Reisegruppe des lutherischen Klassenvorstands unter der Leitung von Superintendent Dr. Andreas Lange auf den Weg nach Litauen, um die bestehenden Kontakte zu unseren Glaubensgeschwistern durch persönliche Begegnungen zu vertiefen und in der gegenwärtigen angespannten, ja bedrohlichen politischen Lage unsere Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Der Gruppe gehörten außerdem Pfarrerin Steffie Langenau (Bad Salzuflen), die Kirchenältesten Silke Knöner (Lockhausen-Ahmsen), Sabrina Landenberger (Lage), Gerold Werner (Detmold) und Pfarrer Frank Erichsmeier an.
Per Flugzeug ging es von Hannover über Kopenhagen nach Vilnius. Sowohl Hin- als auch Rückflug verliefen pünktlich und reibungslos. Sorgen wegen möglicher Flugbetriebsstörungen durch Drohnen in Kopenhagen oder Ballons aus Belarus in Vilnius waren in unserem Fall glücklicherweise unbegründet.
Während unserer Aufenthalte in Vilnius waren wir fußläufig zum Stadtzentrum und zur Altstadt in einem Hotel auf dem nördlichen Ufer der Neris, die Vilnius durchfließt, untergebracht. Beim Gang zu unserem Hotel blickten wir von der Neris aus auf ein an einem Hochhaus angebrachtes großflächiges Transparent mit den Großbuchstaben: „PUTIN, THE HAGUE IS WAITING FOR YOU“, darunter die Flaggen Litauens und der Ukraine sowie die Stadtflagge von Vilnius.

Am frühen Abend des Ankunftstages bestand noch die Gelegenheit zu einem kleinen Rundgang durch die Altstadt, die wir gemeinsam mit Pfarrer Erichsmeier und seinen interessanten Hinweisen auf bedeutsame historische, kirchliche und kulturelle Orte gern nutzten. Erste Erkundungen von Spezialitäten der litauischen Küche, zum Beispiel der beliebten Cepelinai, herzhaften gefüllten Kartoffelklößen, schlossen sich an.
Am folgenden Morgen nahm uns Mindaugas Kairys mit seinem Kirchenbulli vor dem Hotel in Empfang. Er ist lutherischer Pfarrer in Jurbarkas (Georgenburg) und in weiteren Gemeinden in der Umgebung. Jurbarkas liegt landschaftlich reizvoll am Ufer des Nemunas (Memel) im Südwesten Litauens. Pfarrer Kairys ist zugleich Leiter des lutherischen Diakoniewerks und betreut unermüdlich und tatkräftig dessen Einrichtungen.
Aufgrund seiner Teilnahme am Diaspora-Deutschkurs des Gustav-Adolf-Werks und seinem anschließenden Studium der Diakoniewissenschaften in Heidelberg spricht Mindaugas Kairys nahezu perfekt Deutsch. Gastfreundlich und überaus sympathisch machte er uns mit seinen Kirchengebäuden und Einrichtungen vertraut. Die kleinen lutherischen Gemeinden halten zusammen und bewegen mit überschaubaren Mitteln und Unterstützung von Förderern auch größere Projekte. So stolz Mindaugas Kairys auf seine helle, in einer Bauzeit von 14 Jahren errichtete Kirche auf dem früheren Gelände eines KGB-Gefängnisses in Jurbarkas ist, so sehr hat ihn und seine Familie persönlich im Juni 2025 ein Brand in der Pfarrwohnung getroffen. Glücklicherweise engagieren sich auch hier kirchliche Partner finanziell. Auf dem Gelände der Kirche befindet sich auch das von der Lippischen Landeskirche mitgeförderte Familienzentrum der Diakonie.

Im Laufe des Tages machten wir an der prächtigen, 1849 erbauten dörflichen Holzkirche mit deutschen Inschriften in Skirsnemunė am Memelufer und dem gegenüberliegenden ehemaligen Pfarrhaus, heute eine diakonische Tagesbetreuungseinrichtung für Kinder, Station und bezogen dann unser Quartier in einer Mutter- und Kind-Einrichtung der Diakonie in Smalininkai (Schmalleningken), direkt am beschaulichen litauischen Memelufer mit Blick auf das gegenüberliegende russische Ufer. Von hier aus war es nur noch eine überschaubare Entfernung nach Vilkyškiai (Wilkischken). In der dortigen lutherischen Kirche, die Pfarrer Kairys mit erheblichem Aufwand wieder herrichten ließ, hat die von 1954 bis 2009 in unserer Martin-Luther-Kirche befindliche Ott-Orgel eine neue Heimat gefunden und entfaltet – wie Pfarrer Kairys erzählte – große Anziehungskraft für Musikfreunde der Umgebung. Auch wir erhielten eine schöne Klangprobe durch einen mit Mindaugas Kairys befreundeten thüringischen Kirchenmusiker.
Anschließend erlaubte uns unser Gastgeber einen Blick auf die nicht sehr weit entfernte Königin-Luise-Brücke über die Memel bei Tilsit (heute Sowetsk) im russischen Kaliningrader Gebiet. Hier in der Flussmitte verhandelten im Juli 1807 Napoleon und Zar Alexander I., zu dessen Reich seit der letzten polnischen Teilung 1795 auch Litauen gehörte, den Frieden von Tilsit. Bei unserem Besuch wirkte der Blick auf die Stadt am anderen Memelufer menschenleer und gespenstisch und angesichts der angespannten politischen Situation auch etwas beklemmend. Grenzübergreifende Projekte mit der russischen Seite sind eingestellt. Von den Sorgen wegen der russischen Bedrohung und den getroffenen Maßnahmen zur Vorsorge im Ernstfall erfuhren wir auch etwas bei einem Gespräch mit dem Landrat der Rayongemeinde Pagėgiai (Pogegen), Vaidas Bendaravičius. Superintendent Dr. Lange wurde gebeten, sich in das dortige Goldene Buch einzutragen.

In Vyžiai (Wieszen) gibt es inmitten landwirtschaftlicher Flächen und in Nachbarschaft einer Kirche seit 2007 die Diakonie-Einrichtung „Gabrielius“, ein Rehabilitationszentrum für obdachlose drogen- und alkoholabhängige Männer. Die Bewohner erhalten während ihres 1½-jährigen Aufenthalts unter anderem Hilfe von Psychologen und Sozialpädagogen und können hier eine neue Perspektive für ihr Leben entwickeln. Die ersten Bewohner mussten die baufällige Ruine des ehemaligen Pfarrhauses selbst herrichten. Die heutigen Bewohner versorgen sich im Wesentlichen selbst. Wir begegneten ihnen bei einer gruppentherapeutischen Beschäftigung. Wie wir im Gespräch erfuhren, erweist sich das Konzept in hohem Maße als erfolgreich, worauf Pfarrer Kairys und der theologische Leiter der Einrichtung Pfarrer Valdas Mieliauskas stolz sind.
Der folgende Morgen galt zunächst dem ausgiebigen Kennenlernen der Kirche und des Familienkrisenzentrums in Jurbarkas, bevor wir mit Mindaugas Kairys in Richtung Kaunas aufbrachen. Wenige Kilometer südlich von Kaunas befindet sich in Garliava das 2018 eingeweihte Diakoniezentrum auf dem Gelände des alten Pfarrhauses. Freundlich und hell empfing es uns. Es bietet im Anschluss an ihren Aufenthalt in Vyžiai ehemaligen Drogenabhängigen die Möglichkeit der Wiedereingliederung in die Arbeitswelt. Daneben wird eine Tagesbetreuung nach der Schule für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien angeboten. Außerdem gibt es einen großzügigen Gottesdienstraum für die lutherischen Christinnen und Christen in Garliava mit einem von der lutherischen Klasse zum 25-jährigen Partnerschaftsjubiläum (2017) gestifteten Fenster.
Die benachbarte ehemalige lutherische Kirche befindet sich in Privateigentum. Die Eigentümerin lud uns ein, einen Blick hineinzuwerfen. In gelungener und sensibler Form ist es ihrem hier ansässigen Architekturbüro gelungen, altes (1860 erbautes) und über lange Jahre versehrtes Mauerwerk mit modernen Einbauten zu verbinden und dem ehemaligen Kirchraum auf zwei Ebenen multifunktionale Nutzungsmöglichkeiten abzuringen, ohne die Harmonie und Symmetrie des Raumes zu zerstören. Ohne erhebliche finanzielle Mittel wird es nicht gegangen sein. Dennoch: Ein sehr spannendes Beispiel der Umnutzung eines Kirchraums!

Nach einem Mittagessen in der Altstadt von Kaunas erreichten wir am Nachmittag wieder unser Hotel in Vilnius. Am frühen Abend trafen wir Mindaugas Sabutis. Er ist seit 2004 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Litauen und bereits seit 1998 Gemeindepfarrer in Vilnius. Bischof Sabutis lud uns ein in seinen Amtssitz und in seine prächtige, nach einem großen Stadtbrand Mitte des 18. Jahrhunderts erbaute barocke Kirche in der Vokiečių gatvė (Deutsche Straße). Während der sowjetischen Zeit wurde die barocke Einrichtung zerstört und die Kirche in eine Werkhalle und einen Sportsaal umfunktioniert. Die lutherische Gemeinde in Vilnius wurde bereits 1555 gegründet. Die 2008 erbaute Klais-Orgel fügt sich harmonisch in den Kirchenraum ein und verleiht ihm auch musikalischen Glanz.
Beim gemeinsamen Abendessen mit Bischof Sabutis in einem Restaurant in der von sehr vielen jungen Menschen belebten Altstadt gab es einen entspannten Austausch über vielfältige Themen von gemeinsamem Interesse.
Am Morgen des letzten Tages unseres Aufenthalts in Litauen begleitete uns Bischof Sabutis zu einem Besuch des Generalsuperintendenten der Evangelisch-Reformierten Kirche in Litauen, Raimondas Stankevičius, an seinem Amtssitz. Hier kamen verschiedene aktuelle gesellschaftliche, politische und ethische Themen, wie zum Beispiel Umgang mit der Bedrohung durch Russland oder Abtreibung und die theologischen Standpunkte dazu zur Sprache. Auf Gastgeberseite bezog der aus Deutschland stammende Holger Lahayne, seit 2023 Pfarrer der reformierten Kirche in Vilnius, zu einzelnen Fragen streitbar Stellung, half aber auch bei der Verständigung und führte uns im Anschluss durch die benachbarte, zwischen 1830 und 1835 erbaute reformierte Kirche, die während der Sowjetzeit als Kino diente. Mit Dank für den intensiven und langen Austausch am Vormittag verabschiedeten sich die Teilnehmenden voneinander.

Neubaugrundstück ihrer Gemeinde
Für die Mitglieder des lutherischen Klassenvorstands blieb bis zum Rückflug noch etwas Zeit zur freien Verfügung. Angesichts des regnerischen Wetters an diesem Tag entschieden wir uns zu einem abschließenden gemeinsamen Mittagessen. Pfrarrer Erichsmeier verabschiedete sich von uns, da er am nächsten Tag noch die Verantwortlichen des neuesten Förderprojekts des Partnerschaftsausschusses im westlitauischen Šiauliai (Schaulen) aufsuchen wollte.
Gerold Werner
Am anderen Tag fuhr ich (Frank Erichsmeier) dann alleine mit der litauischen Bahn von Vilnius ins mittellitauische Kėdainiai weiter. Hier erwartete mich Pfarrer Arvydas Malinauskas, der die kleine lutherische Gemeinde in dieser geschichtsträchtigen litauischen Stadt betreut und der sich freundlicherweise angeboten hatte, mich nach Šiauliai zu begleiten. Für mich war das ein besonders schönes Wiedersehen, bin ich doch seit über 20 Jahren mit Arvydas befreundet. So nutzten wir die Autofahrt gemeinsam mit Arvydas‘ Frau Aušra zu langen Gesprächen, unter anderem über die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation in Litauen, aber dann auch zu persönlichen Themen. Wie schön, wenn im Rahmen von Partnerschaften auch persönliche Freundschaften erwachsen.
In Šiauliai angekommen, erwarteten uns schon Pfarrer Romas Pukys und seine Frau Aistė, die in der sehr kleinen Gemeinde von knapp 100 Mitgliedern auch die Hauptverantwortung für das neue Diakonieprojekt übernommen hat. Ihre Idee ist berührend: Die Gemeinde, die durch Kriegszerstörungen und anschließende Enteignungen in der Sowjetzeit ihre alte Kirche samt Grundstück für immer verloren hat und seit Jahrzehnten zum Gottesdienst in der methodistischen Kirche „unterschlüpft“, will nun, statt dem wohl für immer unerreichbaren Traum einer Wiedererrichtung ihrer Kirche nachzustreben, in einem neu erschlossenen Vorortbezirk der Stadt eine erste eigene Immobilie als Tagesbetreuungseinrichtung für Kinder aller Altersstufen neu errichten. Vorbild sind dabei die von Pfarrer Kairys in Südlitauen bereits erfolgreich betriebenen Einrichtungen, die in ländlichen Regionen sowohl Vorschulkinder wie auch Schulkinder nach Unterrichtsschluss betreuen. Dieser Bedarf besteht auch in der Vorstadt, in der sich viele junge Familien, die auf der Suche nach Arbeitsplätzen in die Großstadt Šiauliai gekommen sind, angesiedelt haben. Als Gemeinde ohne eigenes Gotteshaus, aber mit einem diakonischen Angebot für Kinder und Familien, wäre die kleine lutherische Gemeinde so in ihrem Lebensumfeld wirklich ganz „Kirche für andere“.
Bisher ist aus den ersparten Mitteln der Gemeinde erst das passende Grundstück gekauft worden, das glücklicherweise schon an die Energie- und Wasserversorgung angeschlossen ist, ansonsten für den Neubau aber erst noch erschlossen werden muss. Ein Architekt wurde mit einer Vorplanung beauftragt, die sich, um Kosten zu sparen, stark an dem ebenfalls neu errichteten Kinderbetreuungszent-rum von Jurbarkas orientieren soll. Auch sonst wird Pfarrer Kairys der kleinen Gemeinde tatkräftig zur Seite stehen und bittet uns, die für das Kindergartenneubau in Vilnius bereitgestellten Mittel – nachdem sich dieses Großprojekt in der litauischen Hauptstadt leider nicht verwirklichen ließ – hier einzusetzen. Unser Partnerschaftsausschuss ist dem gerne nachgekommen. Ich werde das Projekt also aus der Ferne weiter begleiten und kann hoffentlich bald von Baufortschritten berichten.
Am Sonntag, 12. Oktober 2025, endete auch mein diesjähriger Besuch in Litauen. Bischof Sabutis hatte mich schon vor einiger Zeit gebeten, an diesem Tag noch den Gottesdienst mit ihm und der Vilniusser Gemeinde mitzufeiern und bei dieser Gelegenheit auch zu predigen. In meiner Vikariatszeit, die ich von 1999 bis 2001 zu einem großen Teil in Litauen verbracht habe, hatte ich ja fast jeden Sonntag auf litauisch gepredigt. Damals hatte ich meine Worte vorher mit Wörterbuch und Grammatik auf dem Schreibtisch immer aufwändig selbst übersetzt. Heute kann dies eine automatische Übersetzung – zu meiner Überraschung – in guter Qualität mit einem Klick erledigen! Dennoch war es aufregend genug, mal wieder in dieser schönen Sprache zu sprechen. Das gemeinsam gefeierte Abendmahl verband dann auch über alle Worte hinaus. Ja, wir gehören zusammen, lippische und litauische Christen, denn wir sind Glieder am einen Leib Jesu Christi. Wie gut, dass wir das auf dieser Besuchsreise neu erfahren konnten! Und danke allen, die mit ihren Gaben dazu beitragen, dass diese Verbundenheit auch durch die Unterstützung einzelner Projekte der Kirche zum Ausdruck gebracht werden kann!
Frank Erichsmeier
