
Der Reformationstag 1950 gilt als Gründungsdatum der Martin-Luther- Kantorei. Zu den Jubiläen 25, 40 und 50 Jahre Kantorei sind jeweils Festschriften erschienen. 2022 dann in den „Gemeindegeschichten“ zum 300jährigen Bestehen unserer lutherischen Kirchengemeinde ein ausführlicher Beitrag von Waltraud Popp über das Wirken ihres Mannes Eberhard, dem ersten Kantor, und ein Bericht über Erfahrungen der zwei langjährigen Kantoreimitglieder Barbara und Gernot Vogel. Die Broschüre ist noch im Gemeindebüro erhältlich.
Wir haben uns überlegt, aus Anlass des nun 75jährigen Bestehens die Jahre ab 2020 bis heute Revue passieren zu lassen – eine Zeit, die die Sängerinnen und Sänger der Kantorei noch einmal besonders herausforderte.
Anfang 2020 gab uns unser beliebter und geschätzter Kantor Christoph Kuppler, der die Kantorei seit 2007 erfolgreich aufgebaut und geleitet hatte, bekannt, dass er mit seiner Familie Detmold verlassen würde, um in seine alte Heimat Württemberg zurückzukehren und in Giengen eine Kantorenstelle anzutreten.
Das blieb aber nicht die einzige Hiobsbotschaft; denn dann kam Corona und als Folge eine letzte gemeinsame Probe in Präsenz am 10.März 2020.
Wie sollten wir uns von Christoph Kuppler angemessen verabschieden können?
Ein Abschiedsbuch, eine Sammlung persönlicher Beiträge einzelner Mitglieder der Kantorei wurde zusammengestellt. Ein Film entstand mit musikalischen Beiträgen auf die Melodien von „Auf de schwäb’sche Eisebahne“ und „Die lippischen Schützen“ („ditruderidera und die Lipper, die sind da“), zusammengetragen von Freunden, Kolleginnen und Kollegen, der Pfarrerin und den Pfarrern unserer Gemeinde und natürlich Kantoreimitgliedern – zu Hause gesungen, gespielt und gefilmt, und von kundigen Leuten zusammengefügt.
Zu einem Verabschiedungsgottesdienst im Juli durfte man mit Anmeldung (bis zu 120 Personen) kommen, eine Dokumentation der Kontaktdaten der Gottesdienstbesucher waren Bedingung! Kathrin Leykauf, eine Kollegin und damalige Organistin der ev. Kirchengemeinde Horn – Bad Meinberg, übte zwei Liedbeiträge ein mit je zwei Kantoreimitgliedern pro Stimme und mit Abstand.
Die Chorarbeit sollte aber natürlich irgendwie weitergehen. Michael Schmidt, Kirchenmusiker an St. Michael in Hiddesen, erklärte sich bereit, für ein Jahr nach den Sommerferien die Leitung zu übernehmen. Heute schon kaum noch vorstellbar die Vorgaben für die Probenarbeit, die das Landeskirchenamt zu diesem Zeitpunkt machte! Hier ein paar Auszüge:
- Der Mindestabstand muss zur Seite drei Meter und in Singrichtung sechs Meter betragen.
- Der Raum muss gut gelüftet werden.
- Jeder Teilnehmer muss vor Beginn die Hände waschen oder desinfizieren.
- Die Sitzordnung muss festgelegt werden und die Personalien müssen entsprechend dokumentiert werden.
- Beim Eintreten und auf dem Weg zum Sitzplatz muss eine Maske getragen werden. Am Platz kann sie wieder abgenommen werden.
Unter solchen Bedingungen war das Proben nur in Kleingruppen im Gemeindesaal und/oder in der Kirche möglich. Herr Schmidt sorgte auch für Übe-Dateien für diejenigen, die lieber nicht zu den Proben kommen wollten. Einige Mitglieder entschieden sich, erst mal nicht mehr zu kommen und zu pausieren, andere hörten ganz auf. Im November und Dezember 2020 fanden kaum bzw. wegen eines Lockdowns keine Proben statt. Das geplante Konzert für das Gemeindejubiläum 2021, für das ja schon geprobt worden war und für das Herr Schmidt Verstärkung u.a. aus den Reihen seiner Musikschüler und -schülerinnen mobilisiert hatte, wurde abgesagt. In der Karwoche und zu Ostern gab es keine Präsenzgottesdienste, die die Kantorei sonst immer mitgestaltet hatte.
Große Hoffnung setzten viele auf einen erfolgreichen Kampf gegen Corona durch die im Februar in Lippe anlaufenden Impfungen. Im Juni sangen sechs Frauen aus der Kantorei mit Abstand von der Empore aus im Gottesdienst – eine Probe vorher fand mit einem Testnachweis aus der Apotheke statt. Gemeindegesang war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nur mit Maske möglich. Schließlich fanden im Juni doch noch drei Präsenzproben mit Herrn Schmidt statt. Zwar nur in kleiner Besetzung, in der aber alle Stimmlagen vertreten waren. Zum Monatsende mussten wir dann auch ihn verabschieden.
Doch es ging weiter. Für zwei Jahre sollte nun, nach einem coronabedingt reduzierten Auswahlverfahren, Heide Müller die Leitung der Kantorei übernehmen. Diese Zeit wollte sich der Kirchenvorstand nehmen, um über Struktur und Ausrichtung der kirchenmusikalischen Aktivitäten in unserer Gemeinde in engem Austausch mit dem Landeskantor zu beraten und eine dauerhafte Lösung zu finden. Im August ging es mit den Proben los, und wir bekamen zahlreiche Verstärkung! Sängerinnen und Sänger der Detmolder Kantorei e.V. schlossen sich uns an, nachdem ihr künstlerischer Leiter Detmold verlassen hatte und sie sich als Verein auflöste. Dieser Zusammenschluss war für beide Chöre ein Gewinn. Trotz einer sich wieder verschärfenden Coronalage fanden unter den geforderten Sicherheitsvorkehrungen Proben statt. Die Kantorei sang im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag. Es gab ein Adventsliedersingen am Ersten Advent und in kleiner Besetzung eine Beteiligung in der Christnacht. Ab Januar 2022 wurde in Kleingruppen unter 2G+ Bedingungen im Saal und in der Kirche weiter geprobt. Im Juni sollte es ja das verschobene Gemeinde-Jubiläums-Konzert geben, die Sinfonie Nr.2 von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit dem „Lobgesang“. Für das Singen in der Osternacht fand sich wieder eine Kleingruppe. Aber Ende Mai gab es eine neue Enttäuschung: Heide Müller hatte ein Auslandsstipendium bekommen und würde uns nach dem Konzert verlassen. So war das erfolgreiche Konzert mit dem „Lobgesang“, bei dem wir durch einige Studierende von der Musikhochschule verstärkt wurden, zugleich ein „Abgesang“. Glücklicherweise wurde mit Fabian Krämer, Absolvent der Hochschule und eigentlich in Minden als Kirchenmusiker angestellt, ein Vertreter gefunden, der im August die Wochenproben mit uns aufnahm. Im September sangen wir zum ersten Mal unter seiner Leitung im 301. Gemeindejubiläums-Gottesdienst. Zum Reformationstag und Adventsliedersingen waren wir als Kantorei auch wieder vertreten. Im Oktober fuhren wir sogar – leider nur in kleiner Besetzung – für eine Woche zur Chorfreizeit nach Juist. Die schönen Tage dort wurden nur dadurch getrübt, dass gegen Ende der Woche einige Teilnehmer an Corona erkrankten.
Eine Person darf in dieser Rückschau nicht unerwähnt bleiben: Der Interimsorganist unserer Gemeinde Max Jenkins, der mehrfach Probenabende übernahm, wenn Heide Müller oder Fabian Krämer verhindert waren und für das Einstudieren und die Leitung der Kleingruppen für die Oster- und Christnachtgottesdienste zur Verfügung stand.
Nachdem uns einige Sängerinnen und Sänger leider wieder verlassen hatten, kamen auch wieder einzelne neue dazu, trotz der immer noch nicht möglichen „normalen“ Proben. Im neuen Jahr gab es Luftfilter für den Gemeindesaal, was ein Stück mehr Sicherheit zusätzlich zum Testen vor den Probenabenden versprach. Lange war noch in der Kirche geübt worden.
Im April 2023 stand das nächste größere Konzert an, der „Messias“ von Georg Friedrich Händel, Teil II, auf Englisch. Der große Erfolg mit dem Highlight „Hallelujah“ gab uns natürlich Auftrieb. Corona war zwar noch nicht ausgestanden, trat aber wieder ein Stück weiter in den Hintergrund. Im April war ja auch die allgemeine Maskenpflicht beendet worden.
Im August wurde dann auch endlich unsere Kantorenstelle neu ausgeschrieben. Wer aber sollte die Kantoreiproben weiter leiten bis Bewerber oder Bewerberinnen gefunden waren, eine Wahl stattfinden konnte und eine Zusage vorlag?
Glücklicherweise fand sich eine Lösung. Fabian Krämer konnte seine Tätigkeit hier in Detmold bis zum Jahresende 2023 verlängern, sodass noch das Singen in einigen Gottesdiensten möglich war, leider nicht zu Weihnachten.
Im August stellten sich zwei Bewerberinnen und ein Bewerber vor. Die Wahl fiel auf Maja Vollstedt, und da sie zusagte, konnte sie zum ersten Januar 2024 eine 50%ige A-Stelle als Kantorin in unserer Gemeinde antreten. Mitte Januar verabschiedeten wir Fabian Krämer, der uns viele Monate als Chor zusammengehalten hatte, und die Probenarbeit mit Maja Vollstedt konnte beginnen.
Nicht nur unsere Chorleitung war neu, zahlreiche Sängerinnen und Sänger kamen neu hinzu. Ein erstes Mitwirken der Kantorei im Gottesdienst war am Sonntag Lätare möglich, an dem der alte Kirchenvorstand verabschiedet und der neue eingeführt wurde. Zu nennen sind noch der Pfingstmontag mit der offiziellen Einführung von Maja mit Mendelssohns Motette „Hör mein Bitten“ und Teilen aus der Missa in G von Franz Schubert, ein Konzert zum 100. Geburtstag von Gabriel Fauré, in dem sein Requiem op.48 aufgeführt wurde. Zuletzt das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, Teile 1,3 und 6, die am 4. Advent erklangen, gemeinsam mit den Jugendchören MYC und VoiceKamp und unter der gemeinsamen Leitung von Maja Vollstedt und Max Jenkins..
Inzwischen ist die Kantorei auf über 50 Aktive angewachsen. Nachdem wir nach turbulenten und lähmenden Jahren wieder in ruhigeres Fahrwasser gelangt sind, blicken wir hoffnungsvoll in die Zukunft. So wird es auch in unserem Jubiläumsjahr Gottesdienstsingen und Konzerte geben. Neue Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen!
Als nächstes singen wir anlässlich des 75-jährigen Bestehens am 31.10.2025 im Festgottesdienst zum Reformationstag um 19 Uhr die Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ von J.S.Bach.
Silvia Hörster
Udo Mönks
Gesine Niebuhr
Heike Weilacher
