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Große Hilfe für Flüchtlinge aus Armenien

1060,00 Euro sind in der Diakoniesammlung unserer Gemeinde im Dezember zusammengekommen. Ein herzliches Dankeschön allen, die sich daran beteiligt haben! Wie in der Adventsausgabe geschrieben, konnte ich im Oktober 2023 einige der Familien besuchen, denen mit Hilfe aus Detmold in den vergangenen Monaten geholfen werden konnte.

Etwa 120.000 Armenier sind in den vergangenen Monaten aus Berg-Karabach in das Kernland Armeniens geflohen. Mitnehmen konnten viele nur das, was sie am Körper trugen oder in Taschen tragen konnten. Ihre Häuser, die sie in den vergangenen Jahren gebaut und ihre Wohnungen, die sie sich eingerichtet hatten, mussten sie zurücklassen. Die Verwaltung Armeniens hat die Flüchtlinge familienweise über das kleine Land verteilt, da keine Region alleine die Menge aufnehmen kann. Hotelzimmer wurden gebucht und leerstehende Häuser angemietet. Eine Reihe Flüchtlinge fanden Aufnahme bei Angehörigen. Da die armenisch-apostolische Kirche anders organisiert ist als in Deutschland und es keine Ortsgemeinden und keine eigene Hilfsorganisation gibt, muss die Hilfe vielfach über private Organisationen erfolgen. Eine der wenigen überregional helfenden Organisationen ist „Syunik“, die Partnerorganisation von Brot für die Welt.

Am Mittag des 25. Oktobers 2023 fährt unser Fahrer mit Liana Santrosyan, meiner Kontaktperson der von uns unterstützten privaten Organisation, und mir durch Warser, ein Dorf, in dem die Menschen von dem leben, was sie im eigenen Garten anbauen. Industriebetriebe und Geschäfte gibt es nicht. Brot kauft man da, wo jemand zuhause backt. 

Wir halten vor einem kleinen Haus mit umliegendem Garten. Nur wenige Augenblicke später stehen Mariam und ihr Sohn Volodya in der Haustür und begrüßen Frau Santrosyan mit einer Umarmung und mich mit einem scheuen Lächeln. Im Hintergrund steht noch Hayk, 15 Jahre. Er zeigt keine Regung. In der Wohnung stößt noch Volodyas Schwester zu uns. Zwanzig Minuten später sitzen wir zusammen mit der Mutter der drei an einem kleinen Tisch im Flur und trinken einen armenischen Kaffee, der auf dem Ofen erhitzt wurde. Der Ofen erwärmt gleichzeitig diesen Flur und bei geöffneten Zimmertüren die beiden Schlafzimmer. 

Frau Santrosyan hat diese Räume mit Spendengeldern angemietet, damit die Familie ein Dach über dem Kopf hat. Insgesamt sind es ca. 40 qm. Die Toilette ist ein Plumps-Klo im Garten. Der Vater ist in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Berg-Karabach gefallen. Die beiden jungen Kinder tauen nach und nach auf und erzählen, dass sie seit ein paar Wochen die Schule im Dorf besuchen und gerne lesen und rechnen. Der 15-jährige Junge redet kein Wort. Später erfahre ich im Auto, dass er seit der Ankunft in Armenien kaum noch spricht.

Während des Gesprächs gibt Frau Santrosyan drei warme Strickjacken weiter, die ebenfalls gespendet worden sind, und ich erfahre, dass man ein Haus gefunden hat, das wenige Straßen weiter steht und das die Familie in wenigen Wochen beziehen kann. Die Regierung Armeniens stellt es für ein Jahr zur Verfügung. In dem Haus gibt es eine richtige Heizung, was bei Wintern mit minus 20-25 Grad wichtig ist. Für die Bezahlung von Gas muss die Familie selber sorgen. 

Von Liana Santrosyan höre ich, dass sie die Kosten durch Spendengelder bis Ende des Jahres übernommen hat. Ab dem 01. Januar 2024 hat die Mutter eine Halbtagsstelle in einer Näherei gefunden und will dann selber das Gas bezahlen. Nach der Verabschiedung und der Weiterfahrt geht mir der 15-jährige Junge nicht aus dem Kopf und ich überlege, welche schrecklichen Bilder ihn „gefangen“ nehmen. 

Zwei Stunden später stehe ich mit dem Fahrer und Liana Santrosyan vor einem Haus, in dem ich keine Bewohner vermuten würde und das ich im Normalfall wohl auch nicht betreten würde. In dem Bergdorf Aghavnavank nicht weit vom Sevansee, einem der höchst gelegenen Binnenseen der Welt auf 1.900 Meter Höhe und etwa doppelt so groß wie der Bodensee, liegt dieses halb verfallene Gebäude. In den Fensterrahmen sind Folien gespannt, Scheiben gibt es nicht. Man betritt die Wohnung in der ersten Etage über eine wacklige Holztreppe, von der schon Stufen fehlen. Unter der Wohnung befinden sich ehemalige Stallungen. 

Vor drei Jahren soll der ehemalige Besitzer das Haus verlassen haben und in die Hauptstadt Jerewan gezogen sein. Für monatlich 90 Euro konnte Frau Santrosyan das Haus von ihm mieten. In den noch bewohnbaren Räumen des Hauses lebt ein Ehepaar mit zwei Kindern (9 und 11 Jahre). Im Schlafzimmer der Eltern stehen gegenüber dem Bett an einer Wand ein Kühlschrank, eine Waschmaschine und ein Tisch. Die Kinder haben das zweite Schlafzimmer. Der Flur ist auch hier der Raum, in dem sich der Alltag abspielt. Ich erlebe zwei fröhliche Kinder. Sie erzählen von der Schule und den Freunden, die sie im Dorf gefunden haben. 

Schließlich ist ein Abendessentisch gut gedeckt. Die Familie möchte sich bedanken. Mit Spendengeldern konnte dem Vater der Kinder eine Operation am durch eine Mine verletzten Kiefer ermöglicht werden. Ich bin berührt und doch gleichzeitig zurückhaltend beim Nehmen der Speisen. Etwas später erfahre ich, dass Frau Santrosyan im Nachhinein noch Geld für die Lebensmittel gegeben hat. Doch der Familie war der Dank wichtig.  

Während des Essens betritt ein weiterer Mann mit zwei Gehhilfen den Raum. Vor zwei Wochen ist er aus Berg-Karabach angekommen. Außer einer kurzen Begrüßung redet er nicht. Ich nehme jedoch wahr, dass seine offensichtlichen Beinverletzungen nicht alles sind. Die schlimmste Verletzung scheint die psychische zu sein. Im kommenden Sommer sollen sie ein anderes Haus beziehen, wie ich erfahre. Bis dahin gilt es, irgendwie den Winter zu überstehen.

Noch drei weitere Familien besuche ich in den kommenden Tagen meiner Reise. Zwei in ähnlich schwierigen Verhältnissen und eine, die mittlerweile in einer bescheiden aber ausreichend ausgestatteten Wohnung in der Stadt Hrasdan angekommen ist. Eine Wohnung in einem 15-stöckigen postsowjetischen Gebäude, wenig einladend von außen, doch hinter der Wohnungstür so gut es geht renoviert und wohnlich hergerichtet.  2020 ist die Familie (Vater, Mutter, drei Kinder) bei der damaligen Auseinandersetzung mit Aserbeidschan aus Berg-Karabach geflohen. Die ersten eineinhalb Jahre haben sie mit der Detmolder Unterstützung in einer einfachen Unterkunft gelebt. Nun hat der Vater eine Arbeitsstelle und sie können ihren Lebensunterhalt selber finanzieren. Spendengelder brauchen sie nicht mehr. Aber bedanken wollten sie sich für die vergangene Hilfe. Sie tun es mit einer Schale leckerer getrockneter Aprikosen. 

Während meiner Rückreise reisen diese und viele andere Menschen in meinem Kopf mit nach Deutschland. Sie lassen mich nicht los und ich denke in diesen Tagen unseres Winters oft, wie kalt es wohl in ihren Wohnungen ist, ob ich das aushalten würde und ob die Kinder langsam das Lachen zurück gewinnen. Und ich bin dankbar, dass wir aus Detmold ein klein wenig abgeben und helfen konnten, damit diese und andere Familien Hoffnung haben können. 

Ihnen als Spendern ein großes Dankeschön! Auch in diesem Jahr werden wir ein paar Kollekten in unseren Gottesdiensten dieser „Armenienhilfe“ zur Verfügung stellen und so weitere Anschubhilfen leisten können.

Lars Kirchhof 

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