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Erde – der Stoff, aus dem (nicht nur) die Menschen sind

Die traditionelle Lehre von den vier Elementen (Björn Kruschke hat in der letzten Nummer des Gemeindebriefes darüber berichtet) stammt aus dem antiken Griechenland. In ihrer originalen Form kommt sie darum in der Bibel nicht vor, auch wenn die vier „Elemente“ Wasser, Feuer, Luft und Erde an vielen verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift natürlich eine Rolle spielen. 

So gibt es im Alten Testament – anders als in unserer deutschen Sprache – sogar zwei Worte für „Erde“, je nachdem, ob der „Lebensraum Erde“ (im Gegensatz zum Himmel) gemeint ist oder eben der Stoff, also das „Element Erde“: ‚äräz‘ und ‚adamah‘. 

Die Erde als Lebenraum – ‚äräz‘ – kommt bekanntlich schon im ersten Vers der Bibel – „im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (1. Mose 1,1) – vor und wird dann im ganzen Alten Testament noch unzählige Male  erwähnt. Der Stoff Erde dagegen – ‚adamah‘ – erscheint in der Bibel seltener. 

Berühmt ist die Stelle, in der es explizit um die Erschaffung des Menschen geht: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde.“ (1. Mose 2,7)Die Lutherbibel übersetzt dabei beide Worte ‚äräz‘ und ‚adamah‘ immer – wie es wohl auch unserem Sprachgebrauch entspricht – mit dem einen Wort ‚Erde‘. Bibelübersetzungen, die stärker bemüht sind, dem hebräischen Original genau zu entsprechen, benutzen dagegen für ‚adamah‘ ein spezielles Wort, etwa ‚Erdboden‘ oder ‚Ackerkrume‘. 

Das Element Erde kommt also in der Bibel ins Spiel genau in dem Moment, als es um den Menschen geht – und das wird in der hebräischen Sprache in den Worten ‚adam‘ und ‚adamah‘ ja auch hörbar: ‚Adam‘ ist sozusagen der ‚Erdling‘ – aber umgekehrt ließe sich die Erde ‚adamah‘ sozusagen auch übersetzen als der ‚Menschenstoff‘. Beide – ‚adam‘ und ‚adamah‘, der Mensch und die Erde – gehören zusammen, sie sind geradezu füreinander gemacht und aufeinander angewiesen. Das wird in den Schöpfungserzählungen besonders schön ausgedrückt in jenem Satz, der den Zustand vor der Erschaffung des Menschen beschreibt, und der in der deutschen Sprache nur annähernd wiedergegeben werden kann: „Noch war kein Mensch – ‚adam‘ – da, um die Erde – ‚adamah‘ – zu bebauen.“ (1. Mose 2,5)

Das kann nicht so bleiben, es entspricht nicht dem Plan des Schöpfers – und so greift er ein und erschafft den Menschen für die Erde – aus der Erde. Und so wird das „Element Erde“ nun auch selbst zum Thema. Denn Gott wird hier tatsächlich vorgestellt als ein Künstler – er schnipst nicht einfach einmal in die Luft und schon ist der Mensch da – sondern er braucht eine Materie, aus der er den Menschen ‚formen‘ kann (so müsste man hier das Verb ganz exakt übersetzen), in etwa so, wie vielleicht ein Töpfer zur Abwechslung bei seiner Arbeit sich kleine Figürchen aus Ton formt. 

Eine ganz menschliche Vorstellung von Gott also, wie sie durchaus auch in anderen Schöpfungserzählungen des Orients vorkommt. Hier in der Bibel wird damit die besondere Rolle des Schöpfers betont – es ist nicht die Erde, die aus sich selber wie eine Art kosmische Muttergottheit die Tiere und Menschen gewissermaßen gebiert (so ähnlich klingt das ja noch bei der Schöpfung der Pflanzen und Tiere in 1. Mose 1,11+24) – sondern Erde ist selbst „nur“ Materie, ein Element in der Hand des Schöpfers, und eben das sind auch wir Menschen: Erde, geformt von seiner Hand.

Aber – und aus dem biblischen Text wird noch das Erstaunen darüber hörbar – eben dieser Stoff, dieses an sich tote Element Erde ist fähig, Leben in sich zu tragen. Nicht aus sich selbst heraus – sondern da, wo Gott es will und der an sich toten, nun aber schon von ihm geformten Erde schließlich seinen Atem einbläst: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7) 

Der Mensch besteht also nach biblischer Vorstellung nicht so sehr aus „Leib und Seele“, sondern vielmehr aus „Leib und Leben“ – und dass der Leib – der eigentlich nichts ist als Erde – das Leben in sich trägt, ist immer ein Wirken Gottes, ist immer ein Wunder und ein Geschenk. 

Das gilt für den Menschen – aber ebenso auch für die Tiere, die genau wie der Mensch aus der ‚adamah‘, aus dem Element Erde geschaffen sind. Zwar könnte man aus der Schöpfungserzählung den Eindruck gewinnen, dass bei den Tieren die Erde ohne die Behauchung, also ohne ein besonderes Zutun Gottes, lebt: „Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen.“ (1. Mose 2,19) 

Die Erschaffung des Adam

Aber der großartige Schöpfungspsalm 104 bringt die Abhängigkeit aller irdischen Leibhaftigkeit vom lebensschaffenden Atem Gottes dann doch wunderschön zur Sprache: 

„ Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!

Du hast sie alle weise geordnet, 

und die Erde ist voll deiner Güter.

Verbirgst du dein Angesicht, 

so erschrecken sie;

nimmst du weg ihren Odem, 

so vergehen sie und werden wieder Staub.

Du sendest aus deinen Odem, 

so werden sie geschaffen,

und du machst neu das Antlitz der Erde.“ 

(Psalm104, 24+29f.)

Hier kommt mit dem Begriff Staub (hebr. ‚efär‘) ein Aspekt zum Verständnis des Elementes „Erde“ hinzu, das auch schon bei der Erschaffung des Menschen eine Rolle gespielt hat. Die Erde, von Gott geformt und beseelt, ist zwar in der Lage, Sitz des Lebens zu sein – aber immer nur temporär und auch nur so lange, wie Gott es will. Irgendwann verlässt das Leben sie wieder, und sie wird unweigerlich zu Staub. Das ist schon angelegt bei der Erschaffung des Menschen – darum heißt es schon dort nicht einfach: „Gott machte den Menschen aus Erde“, sondern eben: „aus Staub von der Erde“. Dass der aus dem Element Erde geformte Menschenkörper sterblich ist, ist von vornherein erwartbar und normal – dass er dennoch durch Gott lebt, ist das Wunder.

So kommt die Erzählung des Menschen in gewissem Sinne zum Ziel, als Gott dem Menschen bei der Vertreibung aus dem Paradies ankündigt: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (1. Mose 3,19) 

Das Element Erde hat die Potenz zum Leben, dies aber nur durch das fortwirkende lebensschaffende Wirken Gottes.  Ohne die Verbindung zu Gott wird die Erde – und so auch der aus der Erde geschaffene Mensch – zu Staub: Inbegriff der Vergänglichkeit.

Ein biblisches Wort, das sich hier anschließt, und das mich in diesem Zusammenhang besonders berührt, findet sich in dem ebenfalls wunderschönen Psalm 103: 

„ Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, 

so erbarmt sich der Herr über die,  

die ihn fürchten. 

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; 

er gedenkt daran, dass wir Staub sind.“

Psalm 103,13f.

Das Wissen um die Vergänglichkeit des Menschen, seine irdisch-staubliche Materialität, ist für Gott die Motivation zu einem besonderen Erbarmen: eben weil der Mensch vergänglich, gleichsam zerbrechlich ist, muss man behutsam mit ihm umgehen. Und auch, wenn uns Menschen das untereinander oft so wenig gelingt – Gott tut es.

Oftmals lese ich diese Worte zu Beginn von Beerdigungsgottesdiensten. Dann, wenn es am Ende, am Grab nämlich, heißt „Erde zu Erde – Asche zu Asche – Staub zum Staube“. Oder in der älteren Bestattungsformel, die ich eigentlich lieber verwende: 

„ Mensch, es ist dir gesagt: 

Von der Erde bist du genommen.

Und zur Erde sollst du wieder werden.

Aber aus der Erde wird Christus dich 

auferwecken am Jüngsten Tag.“

Von meinen russlanddeutschen Gemeindegliedern habe ich mir abgeguckt, die drei Handvoll Erde, die ich bei diesen Worten auf den Sarg des Toten werfe, wirklich auch in meine eigene Hand zu nehmen (auch wenn die Bestatter freundlicherweise eine kleine Schaufel dafür bereitstellen). Aber irgendwie tut es gut, sie dann auch selbst zu berühren – die Erde, den ‚Menschenstoff‘, zu dem mein Menschenbruder, meine Menschenschwester, die wir da gerade begraben und so in Gottes Hand zurücklegen, nun wieder wird, und zu der auch ich einmal wieder werde: weil wir schon immer Erde sind. 

Und ich weiß und halte mich daran: In Gottes Hand – in der Hand unseres schöpferischen, barmherzigen, zärtlichen Gottes – da kann und da wird dieses Element, da wird die Erde wieder die Potenz zum Leben haben. Dann, wenn er den Staub von der Erde neu formt und neu mit Leben beseelt – in der Auferstehung.

Frank Erichsmeier

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