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An(ge)dacht „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Psalm 42,3

Wir sind unterwegs im kolumbianischen Regenwald im Tayrona Nationalpark. Wir, das heißt: ein enges Freundespaar, ich und der ortskundige Guide. Der Nationalpark liegt im äußersten Norden des südamerikanischen Kontinents und grenzt an die Karibikküste. Er hat all das, was man in einem tropischen Regenwald in Südamerika vermutet: scheinbar bis an den Himmel ragende Bäume, verschlungene Vegetation am Boden, tropische Stimmen im Gewirr der Baumkronen, unvorstellbar schöne und große Schmetterlinge; ab und zu hangeln sich Affen durch das Dach des Waldes. Und sicher sind da noch viele weitere Bewohner, die sich aber nicht sehen lassen. Und dann ist da die extreme Luftfeuchtigkeit, die uns schon nach wenigen Metern zu schaffen macht.

Das Ziel unserer gut dreistündigen Wanderung ist die Küste. Die ersten zweieinhalb Stunden kommen wir gut voran, immer darauf achtend, genug Flüssigkeit zu uns zu nehmen. Unser Führer achtet aber auch darauf, nicht zu viel Zeit zu verlieren, denn am Ende muss auch der ganze Weg wieder in die andere Richtung zurückgelegt werden. Irgendwann werden die Schritte meines Freundes immer langsamer und wackeliger. Dann muss er sich setzen. Der Kreislauf streikt. Sein Wasser ist aufgebraucht und es war eben nicht genug. Der Körper hat DURST. 

Ein mulmiges Gefühl macht sich bei uns anderen breit. Es ist schon auffällig, wie eine Stimmung umschlagen kann. Noch vor einer guten Stunde waren wir frohgemut, jetzt stöhnen wir alle und überlegen, wie es weitergehen kann.

Der Mann, der uns den Weg führt, bleibt ganz ruhig. Nicht nur, weil es jetzt wichtig ist, Ruhe zu bewahren, sondern weil er diese Situation kennt und weiß, was noch vor uns liegt.  Er verspricht: „In 30 Minuten haben wir die Küste erreicht. Frisches, kühles Wasser.“ Die Stimmung wird gleich wieder eine andere. Da ist wieder eine Perspektive, das Ziel schon fast zu sehen. Wir teilen das noch vorhandene Wasser und brechen nach einer Pause wieder auf, schauen nach vorne und suchen mit den Augen nach dem Horizont im dunklen Regenwald. Wann kommt sie endlich, die Küste? Eine Art Wettstreit entwickelt sich. Wer sieht das Wasser zuerst? Wann endlich kommen wir zum Wasser?

Es gibt Lebensumstände, die sind ganz ähnlich wie damals bei uns bei dieser Wanderung. Anstrengend der Weg, das Ziel noch lange nicht erreicht und die Reserven sind schon so gut wie verbraucht. Wir alle kennen sie. – Durststrecken nennen wir diese Zeiten nicht von ungefähr.

Und – Durst ist schlimmer als Heimweh, sagt der Volksmund. Wer schon mal richtig Durst hatte, der kann dem wahrscheinlich zustimmen.

Da wundert es nicht, wenn das Bild vom Durst auch in anderem Zusammenhang gebraucht wird. Dann, wenn wir uns innerlich ausgetrocknet und verdorrt fühlen. Möglicherweise auch im übertragenen Sinn einen anstrengenden Weg hinter uns haben, das Ziel aber noch nicht erreicht ist, sondern in weiter Ferne liegt. Und die Vorräte sind leer. Wir nennen sie auch Ressourcen. Wie bei der Wanderung kann die Lebensstimmung dann schnell umkippen. Lohnt die Anstrengung noch? Komme ich überhaupt noch ans Ziel? Reicht die Kraft und die Motivation?

In der Bibel wird berichtet vom Leben und Glauben vieler Menschen. Für mich ist es tröstlich, dass da nicht nur die „Highlights“ berichtet werden, die Erfolge und Errungenschaften, die Fortschritte im Leben und die Siege. Da schreibt im biblischen Monatsspruch für den Juli einer: Meine Seele dürstet. Und er schreibt weiter: Sie dürstet nach dem lebendigen Gott.

Der Schreiber dieser Worte hat eine tiefe Sehnsucht nach einer unmittelbaren Gottesbegegnung. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? Wer diesen Psalm 42 weiterliest, versteht auch, warum er so spricht. Menschen machen ihm zu schaffen. Es geht ihm schlecht und die Leute um ihn herum verspotten ihn: „Wo ist er denn, dein Gott?“ – Durststrecke im Leben, Ressourcen verbraucht, das Ziel nicht mehr im Blick. Aber: Er bleibt nicht bei seiner Erschöpfung stehen, er sucht Gott, der ihm neue Kraft zum Leben geben kann und formuliert das so: Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Das Ziel unserer Wanderung übrigens kam wie versprochen. Wie gut tat es, sich am Meer zu erfrischen und bei einer freundlichen Frau in einer Wellblechhütte ein paar Flaschen frisches Wasser zu bekommen.

Für die Sommerwochen wünsche ich Ihnen auch im Namen meiner Amtskollegen, dass Sie Zeiten und Orte finden, an denen Ihr Körper seine Ressourcen auffüllen und an denen Ihre Seele Ihren Durst löschen kann und so der Blick wieder den Horizont entdeckt im Regenwald des Lebens.

Eine gute und gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen 

Lars Kirchhof



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