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Trauer und Traurigkeit im Alten Testament

Dass wir im Deutschen diese zwei Begriffe benutzen – Trauer und Traurigkeit – zeigt: Hier sind zweierlei Dinge gemeint, die eng miteinander zu tun haben, und doch nicht ganz dasselbe meinen. ‚Trauer‘ bedeutet in der Regel die Reaktion auf einen Verlust, oft die eines geliebten Menschen durch seinen Tod – aber Trauer können Menschen auch empfinden z. B. über den Verlust ihrer Heimat, über das Ende einer Freundschaft oder über eine enttäuschte Hoffnung. ‚Traurigkeit‘ hingegen meint ein Gefühl, dass sich oft einstellt, wenn man trauert – das einen aber auch sonst überkommen kann, manchmal auch – scheinbar – ganz ohne Grund. Das Gefühl Traurigkeit kann einen also auch treffen, wenn man nicht eigentlich trauert – während die Trauer wohl nur in den seltensten Fällen ohne Traurigkeit stattfindet (wohl aber in der Trauer auch noch ganz andere Gefühle in einem Menschen aufsteigen können, z. B. Wut, Hass oder Angst…)

In der hebräischen Bibel – unserem „Alten Testament“ – gibt es dementsprechend ganz unterschiedliche Worte, um ‚Trauer‘ und um ‚Traurigkeit‘ auszudrücken. Martin Luther bildet dies in seiner Übersetzung ab, indem auch er an diesen Stellen jeweils unterschiedliche deutsche Worte gebraucht. So heißt die ‚Trauer‘ bei ihm oft ‚Klage‘ – für ‚Traurigkeit‘ verwendet er dagegen Worte wie ‚Kummer‘ oder ‚Herzeleid‘. Das ist ein Grund dafür, warum zwar sowohl von Trauer wie von Traurigkeit im Alten Testament sehr oft die Rede ist – die beiden Worte selber aber zumindest in der Lutherbibel insgesamt nur relativ selten auftauchen.

Trauer war im alten Israel – wie in allen vormodernen Gesellschaften – in großem Maße eine Sache, die die Menschen gemeinsam anging: eine Sippe, ein Dorf, und oft auch das ganze Volk trauerten. Ganz bestimmte Trauerriten verbanden so im Trauerfall die Lebenden. So heißt es nach dem Bericht vom Tod des ersten israelitischen Königs Saul: „Da fasste David seine Kleider und zerriss sie, und ebenso taten alle Männer, die bei ihm waren, und sie hielten Totenklage und weinten und fasteten bis zum Abend um Saul“(2.Sam 1,11f.). Zu diesen Riten – gemeinsames Weinen, Fasten, Zerreißen der Kleider – hinzu kam oft das Anlegen des ‚saq‘, eines besonderen, aus grobem Ziegenhaar gewebten rituellen Trauergewandes, eigentlich wohl eher ein Lendenschurz als ein den ganzen Körper bedeckender Sack (obwohl Luther es, vielleicht auch wegen der sprachlichen Ähnlichkeit, mit „Sack“ übersetzt hat – daher stammt auch unsere Redewendung „in Sack und Asche gehen“, auch dies im biblischen Buch Esther Kap.4,1f. eigentlich ein Ausdruck des Entsetzens und der Trauer). In der Davidgeschichte heißt es anlässlich des Todes des Feldhauptmanns Abner zum Beispiel: „David aber sprach zu allem Volk, das bei ihm war: Zerreißt eure Kleider und gürtet euch den Sack um und haltet die Totenklage! Und als sie Abner begruben in Hebron, erhob der König seine Stimme und weinte bei dem Grabe Abners, und auch alles Volk weinte.“(2. Sam 3,31f.) Wo Menschen auf solche gemeinschaftlichen Trauerriten zurückgreifen können, vergewissern sie sich ihrer Zusammengehörigkeit als Lebende angesichts der unbegreiflichen Erfahrung des Todes.

Was ‚Trauer‘ und ‚Traurigkeit‘ im Alten Testament verbindet, ist sicherlich das Weinen. Gemeinsames, meist lautes Weinen gehört zum Trauerritual auf jeden Fall dazu – es kann helfen, die Trauer gemeinsam durchzustehen. So heißt es nach dem Bericht über den Tod des Mose geradezu: „Die Israeliten beweinten Mose dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war“(5.Mose 34,8).

Aber auch das Alte Testament kennt natürlich die Traurigkeit des Einzelnen, den Kummer oder das Herzeleid, angesichts des Todes (so des greisen Vaters Jakob, der den Tod seines Sohnes Josef ahnt, 1.Mose 42,38). Ganz besonders sind es hier wieder die Psalmen, die als der große Seelenspiegel der Bibel auch ergreifende Beschreibungen von Traurigkeit beinhalten. Aber es ist nicht immer nur der Tod, der da Traurigkeit aufkommen lässt. So klagen die in die Verbannung geführten Israeliten gemeinsam, erfüllt von Trauer über den Verlust ihrer Heimat: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande.“(Ps 137,1+2). Oft aber wird die Traurigkeit eines einzelnen, sich verlassen fühlenden Menschen in dessen eigenen Worten geschildert – und gerade diese Darstellungen der Traurigkeit vermögen uns, wenn wir selbst traurig sind, immer wieder besonders zu berühren. Da stellt sich Traurigkeit ein, weil einer sich verfolgt fühlt und von Ängsten geplagt wird, so dass er (oder sie?) geradezu sagen kann: „Mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen“(Ps 31,11). Angesichts feindlicher Angriffe und vermeintlich göttlicher Strafen (vielleicht einer schweren Krankheit) berichtet ein anderer von durchweinten Nächten: „Ich bin so müde vom Seufzen; ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mein Lager mit Tränen“(Ps 6,7). Im Gefühl, von Gott und Menschen verlassen zu sein, bekennt ein anderer: „Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?“(Ps 42,2).

Nicht in allen, aber in vielen dieser Traurigkeitspsalmen kommt es irgendwann zu einem Wendepunkt der Traurigkeit, und auch hier spielen Tränen eine wichtige Rolle. „Schweige nicht zu meinen Tränen“(Ps 39,13), ruft ein Betender am Ende eines Psalms Gott zu, und der Beter des tieftraurigen Psalms 6 schließt geradezu trotzig mit der Gewissheit: „Der Herr hört mein Weinen“(Ps 6,9). Im Psalm 42 wird das Gebet des Traurigen geradezu zu einem Selbstgespräch, indem er sich selbst Trost zuspricht: „Was betrübst du dich meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken.“(Ps 42,6). Die Erfahrung, auch in der Traurigkeit von Gott wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, schlägt sich nieder in dem anrührenden Bild von Gott als dem Tränensammler: „Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“(Ps 56,9). Und aus einer Zukunftsperspektive, die mit Gottes noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten rechnet, wächst die tröstliche Gewissheit: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“(Ps 126,5f.) Die späteren Propheten Israels entwerfen aus dieser Gewissheit ihre Vision von Gottes zukünftigen Handeln in der Geschichte. Der seinem Volk Israel und aller Welt in Liebe zugewandte Schöpfer ist eerst am Ziel, wenn er selbst es wahrgemacht hat, dass kein Mensch mehr Tränen vergießen muss. Darum ist das Trocknen der Tränen am Ende „Chefsache“: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.“(Jesaja 25,8).

Frank Erichsmeier

 

 

 

 



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