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Abschied von Lioba Schulte

2 von links Lioba Schulte

Am 15. September 2017 wurde Lioba Schulte mit einem „Fest der Begegnung und der Lebensfreude“ nach achtjähriger Tätigkeit als Leiterin des Hauses der Kirche Herberhausen verabschiedet. Zum Abschied sprach Frank Erichsmeier mit ihr über ihre Anfänge und ihre Arbeit in dem von unserer Gemeinde mitgetragenen Stadtteilzentrum und ihre Pläne für die Zukunft.

Liebe Lioba, ich erinnere mich noch gut daran, wie wir dich vor acht Jahren aus einer ganzen Reihe von Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt haben. Was hat eigentlich dich damals bewogen, zu uns nach Herberhausen zu kommen?

Ehrlich gesagt hatte das damals zwei Gründe: zum einen habe ich zwei Jahre lang versucht, mich mit meiner Selbständigkeit als Tanz- und Theaterpädagogin finanziell über Wasser zu halten, was sehr schwierig war. Daher suchte ich eine Stelle. Zum anderen erschien mir das Stellenangebot im Haus der Kirche als eine neue Herausforderung, in der ich viel Entwicklungspotential wahrgenommen habe. Und so war es ja auch.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass du mit deinem Einfallsreichtum, deiner Lebendigkeit und deiner Art, auf Menschen zuzugehen, die Arbeit in Herberhausen geprägt hast.

Was waren für dich im Rückblick die wichtigsten Ergebnisse deiner Arbeit im Haus der Kirche?

Die für mich wichtigsten Ergebnisse meiner Arbeit waren die Planung, Entwicklung und Umsetzung der heutigen „Kooperative Herberhausen e.V.“ gemeinsam mit meiner tollen Kollegin Olga Eikmeier, den kurdischen Frauen und dem „Gemeinsamen kirchlichen Ausschuss“. Aber auch die gemeinsame Umsetzung des Gartens der Begegnung mit tatkräftiger Unterstützung von Herrn Huneke zählt dazu. Die damalige Spielgruppe „Schlosskinder“ lag mir sehr am Herzen. Leider löste sich die Gruppe ja auf, weil die Versorgung der Kinder in Tageseinrichtungen dann möglich wurde. Nach längerer Pause bestand dann die Möglichkeit, die Spielgruppe mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien wieder aufleben zu lassen, denn es gab plötzlich wieder zu wenige Plätze in Tageseinrichtungen.

Ein besonderes Anliegen war mir immer die Vielfalt von Angeboten im Haus der Kirche: ein „Gemischtwarenhandel“ sozusagen aus bildenden, kulturellen, musischen, kreativen und sportlichen Angeboten. Diese Vielfalt zog unterschiedliche Menschen an, die wahrscheinlich sonst nicht gekommen wären. So trafen sich junge, alte, arme, reiche, inländische und ausländische Menschen über den Stadtteil Herberhausen hinaus. Das war eine große Bereicherung. Wichtig war mir auch immer ein gutes Netzwerk, denn vieles geht einfach besser gemeinsam. So konnten wir z.B. die euwatec gGmbH gewinnen, mit der wir gemeinsam die Idee des „Schöne-Sachen-Ladens“ entwickelt und umgesetzt haben.

Eine wesentliche Voraussetzung für all das war, dass wir das Vertrauen der beiden Trägergemeinden hatten und somit auch die Möglichkeit, ganz viel ausprobieren zu dürfen. Auch viele Menschen, die zu uns kamen, durften sich ausprobieren und ihre Fähigkeiten entdecken. Und es durfte auch mal was schief gehen, ganz nach dem Motto: „Heiter scheitern“. Gemeinsame Feiern und Veranstaltungen, das „Kulturfrühstück“ oder „Musik bei Kerzenschein“ waren Versuche, die ich als gelungen empfand.

Den „Frauenverein Schatztruhe e.V.“ habe ich lange begleitet und tue es immer noch. Gemeinsam entwickeln wir seit Anfang 2017 ein Theaterstück auf der Grundlage eines Textes von Lew Tolstoi zum Thema „Weltreligionen“. Es wurde/wird viel zu diesem Thema diskutiert, aber auch geprobt, gesungen und gelacht. Der Wunsch des Vereins ist es, das Stück am 8. März 2018 aufzuführen. Mal sehen, ob das klappt….

Welche besonderen Ereignisse wirst du in Erinnerung behalten?

Sehr lange wirkte der durch den IS verübte Genozid an den kurdischen Yeziden im Jahr 2014 bei mir nach. Die unsägliche Betroffenheit der hier lebenden Yeziden, die kurzen Wege der Nachrichten über Handys, die schrecklichen Bilder, die aus dem Irak geschickt wurden, lösten in mir das Gefühl aus, mich mitten im Krieg zu befinden. Ich verspürte eine totale Hilflosigkeit, versuchte den Menschen zuzuhören und konnte nichts ausrichten gegen diese Brutalität, gegen das würdelose Verhalten von Menschen gegenüber anderen Menschen.
Gemeinsam mit Yeziden und mit dir, lieber Frank, organisierten wir einen Nachmittag zum Gedenken an die ermordeten Menschen im Irak. Das war genau richtig so. Mit Olga und kurdischen Frauen besuchten wir Demonstrationen auf dem Detmolder Marktplatz. Es war ein gutes Gefühl für alle, Solidarität von vielen Menschen zu erleben.
Dagegen war das Gemeindefest („Wir seh’n uns“) auf dem Gut Herberhausen im Jahr 2015 für mich ein sehr fröhliches, buntes und gelungenes Fest! Es sollte unbedingt wiederholt werden…

Gab es auch lustige Momente?

Es gab viele lustige Momente. Überhaupt gab es sehr viel Humor im Haus der Kirche. Ein wirklich witziger Moment war, als ich die damals in der Küche aktiven Aussiedlerinnen mit dem Kochen einer Linsensuppe überraschte. Das haben sie irgendwie nicht verstanden. Im Grunde wurde hier schon die Idee einer Kooperative geboren, und das war 2009. Im gleichen Jahr organisierten wir eine Weihnachtsfeier mit allen Aktiven im Haus. Und plötzlich kam Rudolf Naumann mit seinem Akkordeon angerannt, spielte, und wir tanzten zu seiner Musik.

Olga hat sich oft über meinen Ruhrpottslang amüsiert, den ich manchmal gar nicht bemerkte und immer lachen musste, wenn Olga mich darauf aufmerksam machte. „Hömma und booaa, getz mach ma oder wennse weiß, wattse wills, musse machen, dattse hinkomms“ hab ich wohl öfter mal gesagt.

Sehr lustig ging es meistens beim Kochen zu. Die Frauen zeigten mir, was ich machen sollte, und ich stellte mich manchmal ein wenig doof an. Schließlich war das Zubereiten einer einfachen Quarkspeise mein Favorit und gehörte zu meiner Hauptaufgabe in der Küche.

Wie soll es deiner Meinung nach mit dem Haus der Kirche weitergehen?

Olga Eikmeier hat das sehr schön in ihrer Rede beim Abschiedsfest formuliert: es sollte weitergehen mit Gastfreundschaft, Wertschätzung, Respekt, Neugier, Frieden, Farbe bekennen, Mut machen, mitmischen und auch mal aufmischen. Das wünsche ich mir eigentlich für die ganze Welt. Und weitergehen sollte es auch mit ganz viel Humor und Lebensfreude!

Magst du uns auch etwas über deine persönlichen Pläne für die Zukunft erzählen?

Als Mitglied im Vorstand der Solidarischen Landwirtschaft Dalborn e. V. gibt es mehr zu tun, als ich dachte. Ich bin z. Z. fast täglich auf dem Acker, denn jetzt ist Erntezeit und vor dem nächsten Dauerregen sollte das Gemüse eingeholt und gelagert werden. Ich denke, dass ich mich auch in Zukunft für die Solidarische Landwirtschaft engagieren werde. Sie ist ein sehr gutes Beispiel für einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz, gesunde und bewusste Ernährung mit regionalem Gemüse.

Die Theaterarbeit mit den Frauen des Vereins Schatztruhe ist einerseits eine Herausforderung, macht mir andererseits sehr viel Freude! Das würde ich gerne weitermachen. Dann gibt es sicherlich noch einiges in der Kooperative Herberhausen zu tun, in der ich auch im Vorstand bin.

Tja, und dann würde ich gerne noch die russische Sprache erlernen. Aber im Lipper Raum gibt es leider gerade keine Anfängerkurse. Und natürlich werde ich mich weiterhin für geflüchtete Menschen stark machen, gesellschaftspolitisch wach bleiben und mich einmischen.

Aber eins nach dem anderen. Jetzt geht es erst einmal ans Sortieren, sonst kommt Stress auf. Tanzen will ich ja auch noch….

Liebe Lioba, Danke für dieses Interview. Und Danke noch einmal für die tollen acht Jahre der Zusammenarbeit mit dir! Für das, was nun kommt, wünschen wir dir viele gute Begegnungen, Weisheit, um das Richtige zu tun und zu lassen, und Gottes Segen!

Frank Erichsmeier



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