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500 Jahre Reformation: Interviews zu Martin Luther

Die Lutherdekade – 10 Jahre „Reformation und…“ ist zu Ende, jetzt ist das Jubiläumsjahr da. Überall „luthert“ es mit Lutherpastillen, Luthermusicals, Lutherlutschern, und wir stimmen scheinbar in diesen Lutherhype mit ein, wenn unser Jahresthema im Gemeindebrief schlicht Martin Luther heißt. Aber wir wollen keine Heldenverehrung betreiben, sondern hören, was er sagte, schauen, wie er wirkte, wahrnehmen, wo er fehlte.

Lesen Sie in dieser Ausgabe: Meinungen zu Martin Luther. Interviews mit Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Konfession.

Christa Willwacher-Bahr

INTERVIEWS ZU MARTIN LUTHER

500 Jahre Reformation – eine gewaltige Zahl, deren Hintergrundgeschichte jede Glaubensrichtung anders zu deuten vermochte und immer noch vermag. Da stellt sich nun die Frage: Was sind denn die Unterschiede oder sogar die Gemeinsamkeiten im Hinblick auf das Wirken Martin Luthers? Dieser und anderen Fragen wollen wir uns in den folgenden Interviews nähern.

Zuerst spreche ich mit Konfirmanden unserer evangelisch-lutherischen Gemeinde über das Thema Martin Luther:

Was stellt ihr euch denn darunter vor?

Charlotte: Es war auf jeden Fall ein Mann, der früher gelebt hat und dadurch sehr bekannt ist.

Okay und weiß sonst noch jemand etwas über die Person Martin Luther?

Carlotta: Er fand es halt nicht gut, wie die Pfarrer mit ihrer Gemeinde umgegangen sind.

Felicitas: Da die Menschen früher nicht lesen konnten, wurde vieles von der Kanzel gepredigt und sie hatten dadurch keine „richtige“ (seriöse) Informationsquelle. Demzufolge haben sie den Ablasshandel eingeführt.

Emma: Ich finde, dass Martin Luther eine Person ist, die auch viele sehr bekannte Lieder geschrieben hat.

Leon: Martin Luther ist eine Person, die manche mochten bzw. nicht mochten. Ich glaube, dass er wegen irgendetwas auch ins Gefängnis musste, ich bin mir aber da nicht so sicher. Er war auf jeden Fall eine bekannte Person. Die anderen haben eigentlich schon viel darüber gesagt.

Okay und wie stellt ihr euch Martin Luther mit seinem Wirken heutzutage vor?

Charlotte: Ja, also das St. Martinssingen gehört ja irgendwie dazu, ich muss auf jeden Fall daran denken. Unsere Kirche heißt ja auch Martin-Luther-Kirche und das sagt ja schon aus, dass Martin Luther sehr bekannt ist.

Wie würdet ihr ihn denn jetzt abschließend beurteilen wollen und warum?

Leon: Also ich finde ihn gut, weil er sehr viel Gutes getan hat. Ja, weil er auch den Menschen geholfen hat, die für ihn waren.

Emma: Ich denke, dass er gut sein muss, weil er einfach durch seine Taten gut sein muss, also ein Alleinstellungsmerkmal besitzt.

Felicitas: Ich finde, Martin Luther hat ja auch wirklich etwas Gutes getan. Er hat die evangelische Kirche gegründet.

Charlotte: Ich finde auch, dass er durch seine Bibelübersetzung viel für die Menschen erreicht hat. Früher haben ja die Menschen geglaubt, dass Gott ein bestrafender Gott ist, doch Martin Luther hat ihnen die Augen geöffnet und gezeigt, dass Gott mehr als das ist.

Carlotta: Er hat ja die Bibel ins Deutsche übersetzt und das alleine ist ja schon eine große Aufgabe gewesen, es ins Deutsche zu übersetzen. Das alleine zeichnet ihn schon aus.

Okay, vielen Dank fürs Interview, bis bald.

Interview mit Pastor Maik Berghaus (evangelisch-freikirchliche Gemeinde Detmold):

Hallo und herzlich willkommen zum Interview rund um Martin Luther. Ich möchte Ihnen schon einmal die erste Frage stellen und zwar lautet diese: Was stellen Sie sich unter der Person Martin Luthers überhaupt vor?

Ich stelle mir unter der Person Martin Luther eine sehr bekannte, aber zugleich auch streitbare Persönlichkeit vor. Er hat mutig sein Glaubensbekenntnis im Jahr 1521 beim Reichstag zu Worms abgelegt. Dabei ist er konsequent für seine Erkenntnis eingetreten und hat sie argumentativ verteidigt. Ferner fasziniert mich seine enorme theologische Bildung und dass der Mönch Martin Luther in seiner persönlichen Forschung nicht locker ließ, die Frage nach dem gnädigen Gott zu klären.

Okay, wie würden Sie denn sein Wirken beurteilen?

Sein Wirken ist nicht nur für den Protestantismus theologisch prägend, sondern auch sprachprägend und verbindend. Somit wurde er schon bald als „Apostel der Deutschen“ bezeichnet. Obwohl er Niederdeutsch konnte, hatte er sich für das Neuhochdeutsche bei der Übersetzung entschieden. Es ist sein außerordentlicher Verdienst, dass breite Teile der Gesellschaft einen direkten Zugang zum Wort Gottes erhielten. Während er auf der einen Seite bei seiner Übersetzung „dem Volk aufs Maul schaute“, behielt er stets eine große Ehrfurcht vor dem geoffenbarten Grundtext. Luthers Leitmotiv lautete: „Aber ich habe ehe wöllen der deutschen Sprache abbrechen, denn von dem Wort weichen.“

Gut, unter welchem Kontext würden Sie Martin Luther heute einordnen oder verstehen?

Zunächst einmal war Martin Luther ein „Kind seiner Zeit“. Viele Fragen und Lebensumstände von damals sind nicht mehr mit heute vergleichbar. Luther wollte ja nichts Neues gründen, sondern das Bestehende reformieren. Daraus lässt sich für uns heute ableiten, dass die Kirche selbst stets offen bleiben muss für eine kritische Selbstreflektion und für die stetige Überprüfung anhand der Bibel: „Ecclesia semper reformanda“. Und das meine ich ausdrücklich für jede Konfession und Kirche. Der Protestantismus tut gut daran, das reformatorische Erbe Luthers immer wieder kreativ und gesellschaftsrelevant ins 21. Jahrhunderts hineinzutragen. In der Verkündigung und in der inhaltlichen Ausrichtung der Kirche müssen die 4 Soli uneingeschränkt gelten: 1. „Solus Christus“– allein Christus. 2. „Sola Gratia“– allein die Gnade. 3. „Sola Scriptura“– allein die Schrift. Und 4. „Sola Fide“– allein der Glaube. Bei aller notwendigen Weiterentwicklung, um Menschen von heute zu erreichen, darf dieses evangelische Zeugnis im Sinne des Evangeliums Jesu nicht relativiert werden.

Als letzte Frage hätte ich dann noch: Was würden Sie denjenigen Menschen mitteilen wollen, die vielleicht durch einen Schicksalsschlag den Halt am Glauben verloren haben und auch keine Antworten in der Bibel finden?

Dies ist eine seelsorgerliche Frage. Es gilt zunächst, sich ganz behutsam auf den jeweiligen Menschen und seine Situation einzulassen. Welche Lebenskrisen hat er durchlebt? Inwiefern ist seine Biographie prägend? Wenn ein Mensch auf der Suche nach dem Glauben ist, sollten ihm keine vorgefertigten Antworten begegnen. Zu vermitteln ist, dass Enttäuschungen und Zweifel ein Teil des Glaubens sind und dazugehören. Durch Christus wird Gott gerade auch im Leid erfahrbar und im Schauen auf Christus werden eigene verzerrte Gottesbilder berichtigt und Glaubensüberforderungen korrigiert. Ich persönlich denke, dass wir nicht einen starken Glauben brauchen, sondern ein Vertrauen in die Stärke Gottes. Und sei es in der Ambivalenz: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“ Das Schöne ist: Gott hält auch unsere Klage aus. Auch wenn ich nicht alles in meinem Leben verstehe und einordnen kann – als Kind Gottes darf ich mit meinem Vater über alles sprechen. Und für jeden Menschen gilt das Wort des Schöpfers:

„Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ (Jeremia 29,13)

Okay, vielen Dank für das Interview.

Interview mit Superintendent Dieter Bökemeier (evangelisch-reformierte Gemeinde Detmold-Ost)

Hallo erstmal. Als Erstes möchte ich fragen: Was stellen Sie sich überhaupt unter der Person Martin Luther vor?

Er war eine Person, die es zu leben verstand, aber auch gleichzeitig sehr selbstbewusst war. Dabei suchte er nach der Wahrheit bzw. der Erkenntnis. Gleichzeitig war er aber auch ein Kind seiner Zeit. Damit meine ich z.B. die Ängste, die in seiner Zeit virulent waren.

Wie würden Sie denn sein Wirken beurteilen bzw. was halten Sie von ihm?

Historisch gesehen war sein Wirken ein gravierender Einschnitt. Parallel dazu entwickelte sich aber eine breite Bewegung im süddeutschen Raum. Weiter möchte ich hinzufügen, dass andere schon vor ihm die Kirche erneuern wollten (wie zum Beispiel im Humanismus). Trotzdem denke ich, dass er die reformatorische Erkenntnis auf den Punkt gebracht und durch seine Persönlichkeit gefördert hat. Der Mensch braucht sich nicht selbst zu rechtfertigen, er wird von Gott gerechtfertigt. Durch eigenes Bibellesen lernt der Mensch Gott kennen und ist nicht auf die Vermittlung eines „Gottesbildes“ durch die Kirche angewiesen.

Okay, unter welchem Kontext würden Sie ihn heute einordnen oder verstehen?

Zuerst einmal findet man seine Gedanken in der Bibel. Was Rechtfertigung aus Gnade heute heißt, muss neu bedacht

werden. Darüber hinaus muss man sich immer wieder fragen: Leben wir unseren Glauben in der jetzigen Zeit verantwortlich? Außerdem muss die Kirche – egal zu welcher Zeit – sich selber auf die Erstarrungen und Fehler aufmerksam machen. Dennoch muss das breite Spektrum der Reformation in den Blick genommen werden. Als Beispiel möchte ich hier die Frauen anführen, die zur heutigen Zeit eine größere Stimmgewalt haben als zuvor. Der Gedanke der Toleranz, der in jeder Bewegung steckt, stimmt mich heute mit dem Blick auf die Vielfalt der Traditionen positiv.

Ebenfalls finde ich es bemerkenswert, dass immer wieder neue Impulse aus anderen Ländern mit der gleichen Glaubensvorstellung kommen. Vor der Reformation war die Kirche arm an wertvollen Impulsen von außen, weil sie die „allein selig-machende Kirche“ sein wollte. Deshalb mussten neue Impulse folgen, weil sonst die Reformation nicht funktioniert hätte.

Gut, was würden Sie denn den Menschen sagen, die ihren Halt am Glauben verloren haben und keine Antworten in der Bibel finden?

Den Menschen möchte ich das Beispiel Martin Luthers näherbringen. Dabei sollen sie die unterschiedlichen Texte Martin Luthers lesen und versuchen, Antworten zu finden. Sie werden merken, dass auch Luther Zweifel hatte.

Gleichzeitig möchte ich den Menschen Mut machen, die Fragen und auch den damit im Zusammenhang stehenden Frust auszusprechen und sich mit Gott auseinander zu setzen.

Okay, vielen Dank fürs Interview.

Interview mit Pfarrer Christian Ritterbach (römisch-katholische Kirchengemeinde „Heilig Kreuz“, Detmold)

Hallo erstmal. Ich möchte Ihnen schon einmal die erste Frage stellen: Was stellen Sie sich unter der Person Martin Luthers vor?

Zuerst einmal muss ich sagen, dass diese Person ja eigentlich mein „Kollege“ ist. Es bestehen dadurch, dass er als ein katholischer Priester in der Kapelle des Erfurter Doms geweiht wurde, sehr enge Verbindungen. Außerdem war er Augustinermönch sowie Professor für Theologie. Die bestehende Kirche hatte er in seiner Zeit immer wieder in Frage gestellt bzw. vieles als fragwürdig betrachtet.

Dazu möchte ich Papst Benedikt aus dem Jahr 2011 zitieren: „Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. ‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‘ Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen.“

Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.

Okay, wie würden Sie denn sein Wirken beurteilen?

Er war eine sehr wirksame Person, die wertvolle Impulse bezugnehmend auf unseren Glauben früher gesetzt hat und heutzutage immer noch setzt. Darum sind auch Luthers Impulse in Form der 4 Soli von großer Wichtigkeit. Durch seine Reformbemühungen wollte er nie die Kirchenspaltung erzwingen, sondern das Reformatorische in den Vordergrund schieben. Nach dem Einleiten von Luthers Reformation gestaltete sich die konfessionelle Spaltung als sehr schwierig. In Detmold wurden die Katholiken, aber auch die Lutheraner ab dem Jahr 1854 durch eine schriftliche Genehmigung des Fürsten erlaubt.

Gut, meine letzte Frage an Sie wäre heute: Wie würden Sie Martin Luther einordnen wollen bzw. verstehen?

Ich möchte Martin Luther mit dem heutigen Papst Franziskus vergleichen. Beide hatten und haben erkannt, dass Reformen – für welche Kirche auch immer – von großer Bedeutung sind. Hierbei hatten und haben sie erkannt, dass eine Kirche immer reformbedürftig ist, um „nahbar“ zu sein bzw. die Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

Okay, vielen Dank fürs Interview.

Fazit nach den Interviews: Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten die vielen Konfessionen miteinander haben und vielleicht noch haben werden, vor allem, wenn man sich die dritte Frage anschaut. Darüber hinaus danke ich auch noch einmal allen Mitwirkenden für die freundliche Zusammenarbeit.

Christian Michaelis



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