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Luthers Bedeutung für die deutsche Sprache

Im Jahr 2017 beschäftigen sich viele Menschen in Kirche und Gesellschaft mit dem 500-jährigen Jubiläum der Reformation und mit seinen Auswirkungen. Es wird nach Hintergründen gefragt und – zu Recht nach der gegenwärtigen Bedeutung. Was war das Anliegen der Reformatoren damals und was ist daraus geworden? Hat es zu Veränderungen im Glauben und Leben der Gläubigen geführt? Was eint und was trennt die Kirchen heute.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert verbinden sich berühmte und bekannte und oft auch nur im Hintergrund wirkende Persönlichkeiten, die ihren Glauben, ihr brennendes Herz und ihr Wissen und Können für die Freiheit des Glaubens und für die Gestalt der Kirche einsetzten. Im Zentrum steht dabei der Mönch und spätere Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther.

Wenn ich Menschen frage, die  entweder in unserer Gemeinde zu Hause sind und auch solche, die aus einer gewissen inneren Entfernung an ihr interessiert sind: „Wer ist Martin Luther für Sie?“, dann antwortet die Mehrheit: „Der Mann, der die Bibel übersetzte und der die evangelische Kirche gründete.“

In der Tat ist es sehr beeindruckend, was Luther als Übersetzer geleistet hat. Elf Wochen nur brauchte Luther während des Aufenthalts auf der Wartburg, um das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche zu übersetzen. Das Werk wird später noch von Melanchthon und anderen sprach- und sachkundigen Freunden bearbeitet, bis es 1522 als sogenannte „Septemberbibel“ im Druck erscheint.  Als Luther starb, waren bereits 430 verschiedene Ausgaben seiner Bibel erschienen: genug, um etwa jeden vierten Haushalt deutscher Sprache um die Mitte des 16. Jahrhunderts mit einem Exemplar versorgen zu können.

Schon vor Luthers großer Übersetzungsleistung gab es deutsche Übersetzungen der Heiligen Schrift. Der Unterschied war jedoch, dass sie sich im größten Respekt vor dem Wortlaut und Satzbau des heiligen Stoffes von der lateinisch-griechischen Vorlage nicht lösen konnten und durch ihre teilweise wörtliche Übersetzung steif und umständlich wirkten. Luther verstand seine Aufgabe im Unterschied dazu in einer umfassenden „Verdolmetschung“, die sich nicht am Buchstaben, sondern am Sinn orientieren sollte. In seinem berühmten Sendbrief vom Dolmetschen aus dem Jahre 1530 erklärt er dieses mit den Worten: Man müsse „nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“

Dies bedeutete für Luther jedoch nicht, den Leuten nach dem Mund zu reden, sondern eine Form zu finden, wie man verständlich schreiben und reden kann. Luther war immer Prediger und Missionar: Er wollte dem Volk nicht nach dem Mund reden, es wollte es für Christus gewinnen!

Zu bedenken ist ferner, dass es zur Zeit Luthers viele Dialekte und keine wirklich gemeinsame Sprache in Deutschland gab. Da Luther aber wollte, dass die Bibel überall gelesen und verstanden werden konnte, musste er sich etwas einfallen lassen. So verwendete er häufig Formen, die am weitesten verbreitet waren und seiner Ansicht nach die größten Chancen hatten, überall verstanden zu werden. Und er schuf zum Teil neue Wortschöpfungen.

Da wenige Jahrzehnte zuvor der Buchdruck erfunden worden war und die neue Drucktechnik eine massenhafte Verbreitung der deutschen Bibelübersetzung ermöglichte, wurde Luthers Werk zu einem wesentlichen Baustein der Entwicklung einer einheitlichen deutschen Sprache.

Lutherworte und Redewendungen in unserem Sprachgebrauch

Die Bibel wird längst nicht von allen gelesen, und doch sind ihre Worte häufig in aller Munde. Zahlreiche Redewendungen und Sprichwörter, die wir nutzen, sind biblischen Ursprungs. Oft sind wir uns dessen aber nicht bewusst. Worte wie friedfertig, wetterwendisch, Machtwort, Lästermaul gehören dazu.

Auch der Begriff „Morgenland“ wurde durch Martin Luther in die deutsche Sprache eingeführt. In seiner Übersetzung von Matthäus 2,1 übersetzt er die griechische Ortsbeschreibung „Anatole“ mit „Die Weisen aus dem Morgenland“.

„Aus seinem Herzen keine Mördergrube machen“, „ein Stein des Anstoßes sein“, „niemand kann zwei Herren dienen“ sind weitere bekannte Redewendungen.

Auch hier war Luthers Motivation nicht, als berühmter Sprachschöpfer in die Geschichtsbücher einzugehen, sondern er wollte von möglichst vielen verstanden werden. Da es aber für viele Fachbegriffe und Zusammenhänge noch keine allgemein verständlichen deutschen Worte gab, kleidete er seine Gedanken in eigene Ausdrücke, schuf Bilder und erfand neue Wortspiele.

Einige Beispiele für Redewendungen und Zitate Martin Luthers, die in die deutsche Sprache eingegangen sind, sollen hier genannt sein.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Eine Bibelstelle, die als Redewendung in unsere Alltagssprache eingegangen ist, ist der Satz „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Matthäus 4,4). Es ist im biblischen Zusammenhang der erste Teil von Jesu Antwort an den Versucher in der Wüste, der ihn auffordert, aus Steinen Brot werden zu lassen. Der zweite Satzteil heißt übrigens: “sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ In unserer Alltagsverwendung des Sprichwortes wird dieser zweite Teil allerdings meistens weggelassen und dann geht es darum, dass wir außer dem täglichen Brot noch vieles mehr zum Leben brauchen, besipielsweise Beziehungen, Sinn, Raum zum Leben, etc. Im biblischen Zusammenhang wird hier aber die Beziehung zu Gott in den Blick gerückt.

Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Eine andere Redewendung mit biblischem Hintergrund ist der Satz „Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.“ Auch wenn das Wort Scheffel heute nicht mehr sehr verbreitet ist, weiß man, was gemeint ist: Das, was in uns und durch uns leuchten soll, soll nicht verborgen werden, anderen nicht vorenthalten werden. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ (Matthäus 5,15). Und er meint damit, dass wir das, was uns als Christen antreibt, auch andere erkennen lassen. Ob wirklich alle, die die Worte verwenden, um diesen Hintergrund wissen?

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Ein weiteres Beispiel biblischer Redewendungen, die hier und da im Alltag verwendet werden, ist der Satz „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Matthäus 12,34). Gemeint ist: Wer ein Anliegen hat, der spricht auch darüber. Wer etwas besonders Schönes oder auch Trauriges erlebt hat, möchte es auch gerne anderen mitteilen.

Übrigens: Der lateinische Originaltext lautet „ex abundantia cordis os loquitur“ (Aus dem Überfluss des Herzens spricht der Mund). Luther war der Meinung, dass das kein Mensch verstehen würde; so kam es zu seiner Formulierung.

Perlen vor die Säue werfen.

Auch die Redewendung „Perlen vor die Säue werfen“ verdanken wir der Verbreitung der Lutherübersetzung. In Matthäus 7,6 übersetzt Luther Jesu Worte „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen“. Gemeint ist: Etwas vergeuden; jemandem etwas geben oder zubilligen, was eigentlich viel zu gut für ihn ist.

Jemandem einen Denkzettel verpassen.

Auch „Jemandem einen Denkzettel verpassen“, geht auf eine Übersetzung Luthers zurück.  Luther wählte das Wort „Denkzettel“ als Übersetzung für den jüdischen Gebetsriemen (Tefillin). Dieser Gebetsriemen war mit Gesetzessprüchen gefüllt und wurde gemäß 4. Mose 15,38 bei manchen Gebeten an Haupt und Arm getragen. In der Ausgabe der Lutherübersetzung von 1912 heißt es noch: „Alle ihre Werke tun sie (die Schriftgelehrten und Pharisäer) so, dass sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Denkzettel breit und die Säume an ihren Kleidern groß.“ (Matthäus 23,5). In der neuen Revision von 2017 ist hier korrekterweise von den Gebetsriemen und den Quasten die Rede. Zugegeben: Die Weiterentwicklung des Wortes löst sich dann deutlich von dem Verständnis des bei Matthäus Gemeinten.

Diese wenigen Beispiele belegen, an wie vielen Stellen Luthers Übersetzungsarbeit bis heute Auswirkungen auf unsere Sprache hat. Als Martin Luther die Bibel übersetzte, musste er manchmal lange um die Übertragung einzelner Ausdrücke ringen und erfand starke Bilder wie die schon genannten. Andere erwähnenswerte sind „Mit Blindheit geschlagen sein“ (1. Mose 19,11), „im Dunkeln tappen“ (5. Mose 28,29), der „Wolf im Schafspelz“ (Matthäus 7,15), „die Zähne zusammenbeißen“ (Psalm 112,10) oder etwas „auf Sand bauen“ (Matthäus 7,26), „im Schweiße des Angesichts“ (1. Mose 3,19) oder „etwas ausposaunen“ (Matthäus 6,2).

Zusammenfassend muss man festhalten: Luther hat die deutsche Sprache nicht erfunden. Es gab sie vorher, wenn auch in unzähligen Dialekten. Durch seine großen Bemühungen, die Bibel in einer Sprache vorzulegen, die jede und jeder verstehen können, hat er neben der Verbreitung der Bibel ganz massiv die deutsche Sprache mit geformt und geprägt.

Lars Kirchhof


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