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Reformation und die Eine Welt: Evangelische Christen in Litauen

Nicht nur in Deutschland gibt es seit fünf Jahrhunderten evangelische Christen. Die reformatorischen Ideen verbreiteten sich schon zu Luthers Lebzeiten auch in viele andere europäische Länder. In manchen von ihnen – etwa in Skandinavien – entstanden dadurch große evangelische Kirchen, die die Kultur ihres Landes prägen und denen bis heute ein Großteil der jeweiligen Bevölkerung angehört. In anderen Ländern Europas gibt es heute nur noch kleine evangelische Minderheiten, obwohl auch dort die Reformation einst Fuß gefasst und bleibende Spuren hat. Ein gutes Beispiel dafür ist Litauen.

Über das Herzogtum Preußen (die spätere Provinz Ostpreußen), das zu den allerersten deutschen Ländern gehörte, in denen schon wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag die Reformation eingeführt wurde, kamen die reformatorischen Gedanken schon früh auch nach Litauen. Denn Ostpreußen war bis in 20. Jahrhundert ein multikulturell besiedeltes Gebiet: Neben den Nachkommen deutscher Ostsiedler lebten besonders im Norden Ostpreußens, südlich und nördlich des Flusses Memel, auch viele Litauer. Und der Luther-Anhänger Herzog Albrecht von Preußen sorgte sich persönlich darum, dass der evangelische Glaube in seinem Territorium nicht nur auf Deutsch, sondern auch unter seinen litauischsprachigen Untertanen verbreitet wurde und ließ dazu gezielt junge Litauer zu Theologen ausbilden. Einer von ihnen, Martynas Mažvydas (1510-1563), veröffentlichte schließlich 1547 für die litauischsprachigen Gemeinden Ostpreußens einen von ihm selbst verfassten lutherischen Katechismus – und damit zugleich das erste Buch in litauischer Sprache überhaupt! Denn das Litauische war bisher nur mündlich gebraucht worden, und so musste Mažvydas zunächst einmal eine Rechtschreibung für seine Muttersprache erfinden. Darum gehört zu seinem Katechismus nicht nur Gebete und Bibelworte, sondern auch eine Übersichtstafel aller möglichen Lautkombinationen der litauischen Sprache. Auch wenn heute nur noch unter einem Prozent aller Litauer evangelisch sind – diesen Beitrag der Reformation zur Entwicklung der eigenen Kultur haben die Litauer nie vergessen. Und den Namen Mažvydas kennt in Litauen bis heute jedes Kind (wenngleich viele Litauer leider nicht wissen, dass dieser ihr Nationalheld ein evangelischer Pastor war).

Vollbesetzte Kirche mit Pfarrer und Jugendlichen
Gottesdienst zur Eröffnung des Jugendcamps der lutherischen Kirche Litauens in Vanagai (Foto: Luth. Kirche Litauens)

Das nördliche, bis 1918 zu Deutschland gehörige Ostpreußen (das sogenannte Memelgebiet) blieb über die Jahrhunderte das Kerngebiet des litauischsprachigen Protestantismus. Im 19. Jahrhundert gab es hier gerade unter der litauischsprachigen Bevölkerung eine Erweckungsbewegung, die dazu führte, dass viele Christen am Vormittag den meist deutschsprachigen Gottesdienst in ihrer jeweiligen Dorfkirche besuchten, am Nachmittag aber an einer erbaulichen Versammlung in litauischer Sprache teilnahmen. Pietistische Frömmigkeit und erwachendes litauisches Nationalbewusstsein gingen hier oft Hand in Hand. Eine Besonderheit dieser Zeit sind die in der lutherischen Kirche Litauens bis heute gebräuchlichen geistlichen Volkslieder: Übersetzungen der gängigen evangelischen Kirchenlieder aus Deutschland, die aber nun statt mit ihrer originalen Melodie mit einer neuen, aus litauischen Volksliedern übernommenen Melodie – und dementsprechend mit gefühlvoller Inbrunst – gesungen werden.

Inneres der lutherischen Kirche von Skirsnemunė mit litauischen und deutschen Inschriften (Foto: Wolff)
Inneres der lutherischen Kirche von Skirsnemunė mit litauischen und deutschen Inschriften (Foto: Wolff)

Über die Grenzen Preußens hinaus strahlte der evangelische Glaube auch in das ab 1569 mit Polen vereinigte sog. Groß-Litauen aus. Hier kam es zudem zur Bildung evangelisch-reformierter Gemeinden, da viele polnische Adlige im 16. und 17. Jahrhundert dem Calvinismus anhingen und auf ihren Gütern reformierte Gemeinden sammelten. Durch das Wirken des Jesuitenordens, der 1578 die Universität in Vilnius gründete, erstarkte aber die katholische Kirche in Groß-Litauen neu, die evangelischen Gemeinden wurden zunehmend bedrängt und im Laufe der Zeit immer unbedeutender.

Im preußischen Litauen sollte es dann nach dem Zweiten Weltkrieg auch zum Niedergang des litauischen Luthertums kommen. Die meisten evangelischen Christen wurden vertrieben oder verließen im Laufe der Fünfzigerjahre als Aussiedler das nun zur Sowjetunion gehörige Memelgebiet. Die wenigen, die blieben, waren während der Stalinzeit von der Deportation bedroht und wurden auch später oft mundtot gemacht. Fast alle kirchlichen Gebäude wurden beschlagnahmt und oft als Kinosäle, Sporthallen oder landwirtschaftliche Nutzgebäude genutzt – oft so, dass die Bauwerke bleibenden Schäden erlitten. Christliche Erziehung und Jugendarbeit war komplett verboten, und die wenigen verbliebenen Prediger mussten entweder in den Untergrund gehen oder sich den schikanierenden Regelungen der staatlichen Behörden unterwerfen.

Am Ende der Sowjetzeit gab es in Litauen schließlich nur noch eine einzige reformierte und einige wenige lutherische Kirchen, in denen noch Gottesdienst gehalten wurde – und diese allesamt in entlegenen, bevölkerungsarmen ländlichen Gegenden. Aber es gab Christenmenschen, die über Jahre hinweg der Bedrägnis widerstanden und dem Glauben treu geblieben waren, und die nun, nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit und der persönlichen Freiheit, ihre Kirchen neu aufbauen wollten. Und es gab mit Jonas Viktoras Kalvanas (1914-1995) einen charismatischen geistlichen Leiter, der seine letzten Lebens- und Dienstjahre als lutherischer Bischof dem Wiederaufbau der evangelischen Kirche in Litauen widmete und dazu vor allem eine neue Generation ganz junger Männer sammelte, die heute als Pastoren die Geschicke ihrer evangelisch-lutherischen Kirche prägen.

Heute gibt es in Litauen etwa 20.000 lutherische Christen in 54 meist kleinen, ländlichen Kirchengemeinden. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt immer noch im ehemaligen Memelgebiet (dessen besondere Geschichte heute auch in der litauischen Gesellschaft wiederentdeckt wird). Der Evangelisch-reformierten Kirche Litauens gehören zudem ca. 6000 Gläubige in 10 Gemeinden an. Auch ihr Schwerpunkt liegt weiterhin im ländlichen Bereich (Region Biržai im Nordosten des Landes). In den Großstädten Vilnius, Kaunas, Klaipėda und Panevėžys konnten evangelische Gemeinden wieder neu gegründet und aufgebaut werden.

Seit dem 27.09.1992 verbindet die Christen in den beiden evangelischen Kirchen Litauens eine vertraglich geregelte Partnerschaft mit der lutherischen Klasse sowie der damaligen Klasse Detmold (heute: Klasse Süd) der Lippischen Landeskirche. Für die kleinen, organisatorisch schwachen Gemeinden gab es vieles zu tun. Da konnten kirchliche Partner im Westen Unterstützung leisten.

Mit Hilfstransporten fing es an. Organisiert von Pfr. Klaus Fitzner, dem ersten Litauenbeauftragten der lippischen Lutheraner, wurden von Blomberg aus ganze Lastwagenladungen mit gespendeter Kleidung, Medikamenten und Materialien für die Gemeindearbeit und Diakonie zu den Gemeinden Litauens auf den Weg gebracht. Dazu wurde ein Litauen-Partnerschaftsausschuss gebildet, dessen Leitung 1998 von Pfr. Friedhelm Horst übernommen wurde und der seit 2005 von mir geleitet wird. Seine Aufgabe war und ist es, zu den beiden evangelischen Kirchen Litauens Kontakt zu halten und sie bei ihrem kirchlichen Wiederaufbau zu unterstützen. Dazu stellt die Lippische Landeskirche jährlich Haushaltsmittel bereit, außerdem unterstützen viele lippische Kirchengemeinden die Partnerschaftsarbeit mit Kollekten. Über die Projekte der litauischen Kirchen, die wir mit diesem Geld in Litauen unterstützen, entscheiden wir als Ausschuss im eingen Austausch mit den Kirchen vor Ort.

Jugendliche und Zelte in Vanagai, Litauen
Zeltstadt Vanagai (Foto: Luth. Kirche Litauens)

 Am Anfang wurde so vor allem die Renovierung der Kirchengebäude gefördert, die den evangelischen Gemeinden nach 1990 oftmals völlig baufällig zurückgegeben worden waren. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Dorfkirche von Willkischken (Vilkyškiai) im Memelland. Mit vereinten Kräften ist es gelungen, aus der 1990 in baufälligem Zustand der winzigen Gemeinde zurückgegebenen Kirche dieses Dorfes, das der Schriftsteller Johannes Bobrowski einst als Ort litauisch-deutscher Begegnung auch literarisch verewigt hat, einen wunderschönes Gotteshaus neu entstehen zu lassen. Wesentlich dazu beigetragen hat nicht zuletzt die 2008 nach Willkischken überführte Orgel aus der Detmolder Martin-Luther-Kirche. Heute ist die Kirche in Vilkyškiai Veranstaltungsort eines alljährlichen musikalischen Sommerfestivals. 

Eine andere Aufgabe der Partnerschaft ist die Förderung der kirchlichen Jugendarbeit, zum Beispiel durch die Sommercamps der kirchlichen Jugendarbeit. Deren Geschichte begann 1998, als einige Theologiestudenten ein verlängertes Zeltwochenende mit Jugendlichen aus ihren Gemeinden auf einem Waldgrundstück nahe der alten Kirche von Vanagai im Memelland verbrachten. Zur Finanzierung reichten damals 100 DM aus Lippe. Aus dem kleinen Zeltlager, das im Jahr 2017 zum 20. Mal durchgeführt wird, ist inzwischen ein einwöchiges Jugendcamp mit mehr als 500 Teilnehmern und einem freiwilligen Mitarbeiterteam von über 60 Personen geworden, das in Litauen längst über die Grenzen der lutherischen Gemeinden hinaus Bekanntheit erlangt hat. Immer noch können Kinder aus sozial Schwachen Familien umsonst dabei sein – auch dank der inzwischen mehr als 50 regelmäßigen Sponsoren, zu denen auch immer noch wir Lipper gehören.

Vor allem aber sind uns die diakonischen Projekte dieser kleinen Kirchen ans Herz gewachsen. Das heutige Litauen ist gekennzeichnet von wachsender sozialer Ungleichheit und einem starken Stadt-Land-Gefälle. Die Sorge um alte Menschen und Kinder, die als „Eurowaisen“ in den Dörfern und kleinen Städten zurückbleiben, weil ihre Eltern sich in Westeuropa Arbeit suchen müssen, stellen eine große Herausforderung auch für die kleinen evangelischen Gemeinden dar. Zum Beispiel in „Vaiko Užuovėja“ (deutsch: Zuflucht des Kindes). Dieses Kinderheim in dem kleinen Dorf Medeikiai in der Region Biržai wurde vor einigen Jahren von der Evangelisch-reformierten Kirche Litauens übernommen, um einen Beitrag gegen die ländliche Armut und das Problem der „Eurowaisen“ zu tun. Z. Zt. leben dort 25 Kinder. Als Partner konnten wir bei der Sanierung und Umbau des Gebäudes helfen, in dem die Kinder nun in mehreren altersgemischten Familiengruppen leben können. Außerdem haben wir im Jahr 2015 die Organisation eines Ferienprogramms mit Aktionen und Ausflügen der Kinder finanziell ermöglicht. 

Mittagessen im KinderheimEin anderes Problem des Landes ist der Drogenmissbrauch. Besonders Männer fliehen vor Armut und sozialer Kälte zu Flasche oder Spritze. Ein beeindruckendes kirchliches Projekt, das hier helfen soll, heißt Gabriel – oder auf litauisch: Gabrielius. Die Diakonie der Evangelisch-lutherischen Kirche Litauens hat hier Menschen eine Chance gegeben, die eigentlich keine mehr hatten: Eine Gruppe von ehemals drogenabhängigen Männern konnte in ein baufälliges, für die Kirche nicht mehr notwendiges altes Pfarrhaus im Memelgebiet Haus einziehen und dort eine Langzeittherapie zur Resozialisierung beginnen. Die Mithilfe bei der Instandsetzung und Bewirtschaftung des Hauses war und ist Teil der Therapie. Inzwischen haben bereits mehrere Gruppen Suchtkranker ihre Chance im „Haus Gabrielius“ bekommen.

Neben der Unterstützung der kirchlichen und sozialen Arbeit ist uns im Partnerschaftsausschuss aber auch die direkte Begegnung zwischen Christen aus Litauen und Lippe ein Anliegen. Gelegenheit zur Begegnung hat es in den vergangenen 25 Jahren genug gegeben. Junge lippische Theologen haben in litauischen Gemeinden mitgearbeitet, litauische Chöre haben Gemeinden in Lippe besucht, junge Lipperinnen und Lipper haben gemeinsam mit litauischen Jugendlichen Arbeitseinsätze zur Instandsetzung jüdischer und evangelischer Friedhöfe in Litauen geleistet. Und immer wieder kamen litauische und lippische Pastorinnen und Pastoren und andere Verantwortliche aus den Kirchen zusammen, um sich über die Entwicklungen in ihren Kirchen auszutauschen und über das – manchmal auch unterschiedliche – Verständnis des christlichen Glaubens zu diskutieren.

Im nächsten Jahr aber gilt es nun auch zu feiern, denn nicht nur können wir als evangelische Christen ja gemeinsam des 500. Jahrestages der Reformation gedenken – in Litauen und Lippe blicken wir auch auf 25 Jahre lebendiger Partnerschaft zurück. Zu diesem Anlass soll es im Rahmen des Evangelischen Kirchengesangsfestes in Kretinga/Litauen am 17.06.2017 eine gemeinsame Feierstunde geben. Und ich lade alle Interessierten aus den lippischen Gemeinden dazu ein, bei einer Bildungs- und Begegnungsfahrt Litauen und die litauischen evangelischen Christen kennenzulernen. Diese Fahrt soll vom 09.-18.06.2017 stattfinden und uns am Ende auch zur Jubiläumsfeier nach Kretinga führen. Vielleicht sind Sie ja beim Lesen neugierig geworden auf Litauen? Dann kommen Sie doch mit und sprechen mich an.

 

Frank Erichsmeier

 

Die Seite der lutherischen Klassen berichtet laufend über die Partnerschaft mit Litauen:

http://www.lippe-lutherisch.de/litauen.html

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