
Auffällig ist das Kreuz im Altarraum der Martin-Luther-Kirche. Diese Arbeit von Hans Steinbrenner wurde nach langer und heftiger Diskussion in Gemeinde und Kirchenvorstand 1967 zunächst ohne Korpus probeweise aufgehangen und dann erst im Frühjahr 1968 erworben.
Als Hans Steinbrenner das Kruzifix 1950 / 51 als Hauptwerk seiner religiösen Phase schuf, standen die Menschen noch unter dem Schock von Diktatur und Krieg. In Steinbrenners Worten von 1998:
"Dieser Jesus nach 1945 von einem 22-jährigen gemacht, konnte nicht nach all dem schrecklichen Leiden und Morden im herkömmlichen Sinne schön sein. Bei der Arbeit wurde mir sein Körper immer erbarmungsbedürftiger, die plastischen Massen reduzierten sich auf ein Minimum... Er bringt weniger das direkte Gequältsein zum Ausdruck, weil das Leiden universeller ist nach den Massenmorden der Nazis... Die ganze Arbeit an diesem Kruzifixus kostete mich so viel, daß ich beinahe die ganze Arbeit in Verzweiflung zersägt hätte, hätte ein Kollege mir nicht die Säge aus der Hand genommen... Das Kruzifix in der Lutherkirche zu Detmold ist für mich meine bedeutendste Arbeit, eine Arbeit, die ich nur als ganz durchlässiger, junger Mensch machen konnte oder durfte, als junger Mensch mit all seinem damaligen Erlebnisdruck entstanden aus Krieg und Nachkrieg und als junger Mensch auf der Suche nach dem Eigentlichen und Essenziellen. "
Es will dazu passen, daß das Kreuz aus der Eichentreppe eines zerbombten Hauses und der Korpus aus dem Stamm einer von Granaten zugrundegerichteten Linde geschaffen wurde. Dieser Christus "lebt und leidet noch heute mit uns" (Ludwig Reinicke, 1973). Durch diesen Kruzifixus haben wir "mit dem Menschen zu tun, an dem und in dem Gott leidet in Christus. Das ist der Mensch unserer Tage, der wie hier mit beiden Beinen auf dieser Erde steht." (Pastor von Hören, Adventspredigt 1967). Daß diese Welt als abschreckender Ort unendlichen Leidens erfahren wird, muß nicht mehr hervorgehoben werden.
Und doch weist der
Kruzifixus über das Leid dieser Welt hinaus. So wie seine Hände das Kreuz
überragen, weist der deutliche Armansatz, die Unterbrechung von Horizontale und
Vertikale, über das Karfreitagsgeschehen hinaus an den innersten Ort des
christlichen Glaubens, wo wir an Christi ausgestreckten Armen erkennen, daß er "als
wehrloses Opfer der allein Schenkende" ist (Pastor von Hören, 1967).
Hilfreich bei der Betrachtung des Kreuzes ist sicherlich das Gottesknechtslied aus Jesaja 53:
"Aber
wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN
offenbart?
Er schoß auf vor ihm wie
ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.
Er hatte keine Gestalt
und Hoheit.
Wir sahen ihn, aber da
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.
Er war so verachtet, daß
man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Fürwahr, er trug unsre
Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für
den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unsrer
Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.
Die Strafe liegt auf ihm,
auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle in die
Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.
Aber der HERR warf unser
aller Sünde auf ihn.
Als er gemartert ward,
litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf
wie ein Lamm, das zur
Schlachtbank geführt wird;
und wie ein Schaf,
das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. "